"Hannah Hofmann und Sven Lindholm sind zu sehr Künstler, um Aktivisten zu sein. Gleichzeitig sind sie aber auch zu wenig Theatermacher, als dass sie sich mit rein symbolischen Handlungen im Bühnenraum zufrieden geben würden. Seit 2000 erarbeiten sie Projekte, die auf der Grenze zwischen bildender Kunst und Theater angesiedelt sind und ein intelligent-unterhaltsames Spiel mit unserer sozialen Realität entfalten.
Ihre Arbeiten fürs Theater bestehen aus Interventionen, subversiven Eingriffen in die Wirklichkeit außerhalb des Theaters, die auf der Bühne als eine Art inszeniertes Protokoll dokumentiert werden. Mittels Video und unter Mitwirkung von Akteuren, die als reale Personen reale Handlungen vollziehen, öffnen sie dem Theater ein Fenster zur Realität, wie es ein Schauspieler, der eine Rolle spielt oder eine fiktive Person darstellt, nicht tun könnte. Die klassische Verabredung zwischen Zuschauer und Bühnenraum beruht ja gerade auf dem ‚Als-ob’ jeder Handlung. Hofmann & Lindholm erweitern diese Konvention, indem sie Theater als gesellschaftliche Versuchsanordnung betreiben und die Bühne in ein Labor für soziale Phantasie verwandeln. […]
Hofmann & Lindholm haben durch ihre exemplarische Arbeit mit ‚Alltagsexperten’ die aktuellen Diskurse über den Umgang mit Realität auf dem Theater entscheidend mitgeprägt. […] Es geht bei Hofmann & Lindholm darum, ein Team von Feldforschern zusammen zu stellen, mit dem interventionistische Handlungsanleitungen entwickelt werden, die durchgeführt, dokumentiert und schließlich in einem inszenierten Rahmen auf die Bühne gebracht werden. Wie es Hofmann & Lindholm dabei immer wieder gelingt, Nicht-Schauspieler auf eine ganz besondere Weise in Szene zu setzen und zu den eigentlichen Stars des Abends zu machen, das allein macht ihre Arbeiten schon zu einem faszinierenden Theatererlebnis."
Kathrin Tiedemann im Spielzeitmagazin des Schauspiels Essen 2006 / 2007
"Hannah Hofmann und Sven Lindholm sind aus der Talentschmiede des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft hervorgegangen. Seit 1999 realisieren sie Projekte am Schnittpunkt zwischen Bildender Kunst, Theater und Performance. In Arbeiten wie 'Aspiranten' (2003), 'Alibis' (2004), 'Vom Feuer' (2006), 'Geschichte des Publikums' (2006) oder 'Séancen' (2007) untersuchen sie soziale Strukturen und Systeme nach Spielräumen für Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit. Als Akteure ihrer Projekte schicken sie nur Laien, auch 'Alltagsspezialisten' genannt, in die Wildbahn des Alltäglichen und lassen sie die Probe aufs subversive Exempel machen.
Auf der Bühne werden die subversiven Akte meist mittels Videoeinspielungen und minutiöser, sachlicher Berichterstattung in streng choreografierten Arrangements vorgestellt. Doch Produktionen von Hofmann & Lindholm erschöpfen sich nicht in ihrem szenischen Substrat. Ihnen gehen umfangreiche Recherchen, Aktionen und Dreharbeiten mit den Alltagsspezialisten voraus. Zudem hofft das Regieduo auf Nachwirkungen. Ihre Produktionen verstehen sie als 'Gebrauchsanweisung' fürs Publikum, bei der es nicht darum geht, 'die Regeln, nach denen gesellschaftliches Leben funktioniert, zu sprengen, sondern beweglich zu machen.' Utopie verdichtet sich im Ausprobieren von Möglichkeiten, die lebhaft zwischen subversiver Beweglichkeit und neoliberaler Flexibilität changieren.Den Inszenierungen von Hofmann & Lindholm haftet so oft etwas Strenges, fast Wissenschaftliches an. Man liegt mit der Assoziation an Brechts Lehrstücke, die ja auch auf gesellschaftlich signifikante Verhaltensmuster zielten, nicht ganz falsch. Den Begriff der Wissenschaftlichkeit hören die beiden allerdings nicht gerne. Sven Lindholm spricht von 'Forschung' oder 'Phänomenologie'. Und Hannah Hofmann kontert den Vorwurf der 'Emotionslosigkeit' mit der Bezeichnung 'undramatisch': 'Wir lassen die Motive für das Handeln außen vor.'
In der Aussparung von individueller Handlungsmotivation liegt denn auch ein entscheidender Unterschied zur ebenfalls mit Laien arbeitenden Gruppe Rimini Protokoll, die ihre Stücke gerade aus der gebrochenen Biografie der Mitwirkenden entwickeln. Auch wenn beide Gruppen auf dem Feld theatralischer Dokumentarformen experimentieren, Hofmann & Lindholm gehen dabei in Sachen Authentizität und Fiktion einen entscheidenden Schritt weiter als Rimini Protokoll. So wie ihre 'Alltagsspezialiste' das Verhältnis von Individualität, Bühnenrolle und sozialer Rolle zum Tanzen bringen, so sind die subversiven Akte nicht wirklich zu beglaubigen. Es ist nicht zu klären, ob hier Erfundenes authentifiziert oder Wirklichkeit fiktionalisiert wird."
Hans-Christoph Zimmermann in der TAZ vom 25.01.2007
"Hofmann&Lindholm sind ein Künstlerpaar, das sich nicht so ohne weiteres einordnen lässt. Sie sind Konzeptualisten, die sich von bildender Kunst befruchten lassen, Theatermacher, die die Bedingungen von Theater hinterfragen, aber auch Hörspielautoren und Filmemacher. Sie selbst nennen sich gerne „Interventionalisten”. Denn eins ihrer Grundthemen ist der diskrete Eingriff ins alltägliche Bewusstsein. (...) Das „Theater“ von Hofmann&Lindholm begreift sich als politisch, aber ohne aufklärerischen Impuls. Dem Zuschauer wird nicht vorgeschrieben, was er zu denken hat, sondern er wird in eigene Gedanken gestürzt."
Dorothea Marcus in aKT.1 vom März 2009
"Die Arbeit am Nicht-Perfekten muss keineswegs immer nur grelle Effekte suchen, sondern vermag es mitunter auch, die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf subtile Weise zu verschieben. Das zeigt […] das Regieduo Hofmann und Lindholm. […] Für die Beschreibung sind zwei Ebenen zu unterscheiden: die Ebene der durchgeführten Aktionen (subversive soziale Praxis), durch die die Handelnden in Kontakt mit der Umwelt treten, und die Ebene der eigentlichen Aufführung, die eine Art 'inszeniertes Protokoll' der Handlungen ist. Ein theoretisches Modell dafür ist Brechts Straßenszene, bei der es auch nicht darum geht, einen Vorgang vorzuführen, sondern von ihm zu berichten, wobei auch Brecht an Laien als Darsteller der Straßenszene dachte. Der Modus der Rede ist damit nicht der Bühnendialog, sondern die Ansprache an das Publikum. […] Es geht bei den Handlungen nicht um raffinierte persönliche Bereicherung. Einige Aktionen kosten die Handelnden mehr als sie einbringen. In diesem pekuniären Sinne lohnt sich die Handlung nicht. Was bringt sie dann? Funktionierende soziale Systeme, Strukturen bzw. Institutionen werden bedient, benutzt, untersucht, beherrscht, ausgenutzt und unterwandert. Dabei weisen sich die Darsteller ihre Rollen selbst zu. Das Verhältnis des Einzelnen zu vorgegebenen Strukturen wird auch auf der Ebene der Aufführung selbst thematisch.
Die Darsteller sind in ein verhältnismäßig starres Formkorsett gestellt. Ihre Handlungsmuster folgen einem fast rituellen Ablaufplan. […] Es wird bei allem auf strenge Ordnung geachtet. Teilweise werden Handlungen parallel oder gemeinsam ausgeführt. Zu einer bewusst gestalteten Interaktion, beispielsweise einem Gespräch untereinander, kommt es kaum. Man gewinnt den Eindruck, diese Menschen wissen, was sie tun; sie verstehen sich, ohne miteinander zu sprechen. Die Darsteller verzichten vollkommen darauf, ihre Eindrücke, Ängste oder Empfindungen mitzuteilen. Von Zweifeln oder Problemen ist gar nicht die Rede. Hier werden keine Gefühle ausgedrückt, sondern Handlungen zu Protokoll gegeben. Hierdurch gewinnen die Darsteller eine mitunter unheimliche Souveränität. Ihr Handeln erscheint konspirativ und man weiß nicht genau, ob von ihnen eine Bedrohung ausgeht oder ob man den kreativen Guerilla-Kampf eher belächeln soll. […] Die Inszenierung macht auf dieser formal-darstellerischen Ebene körperlich erfahrbar, was sie inhaltlich in den Handlungsberichten beschreibt: Wie passt man sich in ein soziales System ein, ohne sich ihm gänzlich anzupassen?"
Jens Roselt in dramaturgie. Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft 2006
"Theaterleute, aber zunehmend auch Künstler anderer Herkunft, operieren […] verstärkt an den Grenzen zwischen Theater und Realität, indem sie immer wieder auch mit Laien arbeiten, indem sie den Theaterraum verlassen und andere Wahrnehmungs- und Begegnungsformen sowohl mit dem Theater als auch mit Menschen suchen, die – wenn überhaupt – eher zu den Zuschauern (durchaus im weitesten gesellschaftlichen Sinne […]) zu rechnen sind. So zu sehen und zu erleben beispielsweise bei Frank Castorf, Elena Kovylina, Jochen Gerz, Rimini Protokoll (Haug/Wetzel/Kaegi) oder den Projekten von Hofmann & Lindholm. In den Arbeiten dieser Künstler wird die Möglichkeit eröffnet, den Begriff des Spiels in seinen unterschiedlichen Facetten aufzufalten, und zwar so weit, dass er sich wieder einer neuen Vorstellung von Authentizität annähert, bzw. die Frage nach dem Authentischen erneut Relevanz gewinnt, ebenso wie Fragen nach (politischer und ästhetischer) Macht und Moral."
Christel Weiler in Theater der Zeit/ Recherchen 18, Berlin 2004
"Die Theaterabende […] Hofmanns & Lindholms et al. zielen, auch wenn sie mit der Wirklichkeits-Aura der Laien kalkulieren, natürlich nicht nur nach der Abbildung von Realität, Biographie oder Identität auf der Bühne. Eher behandeln sie die Laiendarsteller als szenisches Material, das sich jedoch nicht ganz so zuverlässig wie ein Legostein in die Inszenierungen einbauen lässt. Oder sie benutzen, wie Hofmann & Lindholm, dokumentarische Formen und Methoden, um Erfundenes zu authentifizieren: Die Wirklichkeitsschnipsel erfüllen auch ästhetische Funktionen. Doch weil sie das Aufzählen und Zeigen dem Erzählen und Interpretieren vorziehen, haben sie nichts vom ideologisch Verbissenen (Medienkritik!), von der Sperrigkeit und hermetischen Verschlossenheit (Avantgarde!), die konzeptionelles Theater auch schon ausgezeichnet hat und bisweilen noch auszeichnet. Stattdessen sitzt man meistens bestens unterhalten in diesen biographischen oder kulturwissenschaftlich angehauchten Untersuchungen, als war's das amüsanteste Revuetheater, bloß ohne sich für blöd verkauft zu fühlen"
Eva Behrendt im Theaterheute-Jahrbuch 2003