"Hannah Hofmann und Sven Lindholm sind zu sehr Künstler, um Aktivisten zu sein. Gleichzeitig sind sie aber auch zu wenig Theatermacher, als dass sie sich mit rein symbolischen Handlungen im Bühnenraum zufrieden geben würden. Seit 2000 erarbeiten sie Projekte, die auf der Grenze zwischen bildender Kunst und Theater angesiedelt sind und ein intelligent-unterhaltsames Spiel mit unserer sozialen Realität entfalten.
Ihre Arbeiten fürs Theater bestehen aus Interventionen, subversiven Eingriffen in die Wirklichkeit außerhalb des Theaters, die auf der Bühne als eine Art inszeniertes Protokoll dokumentiert werden. Mittels Video und unter Mitwirkung von Akteuren, die als reale Personen reale Handlungen vollziehen, öffnen sie dem Theater ein Fenster zur Realität, wie es ein Schauspieler, der eine Rolle spielt oder eine fiktive Person darstellt, nicht tun könnte. Die klassische Verabredung zwischen Zuschauer und Bühnenraum beruht ja gerade auf dem ‚Als-ob’ jeder Handlung. Hofmann & Lindholm erweitern diese Konvention, indem sie Theater als gesellschaftliche Versuchsanordnung betreiben und die Bühne in ein Labor für soziale Phantasie verwandeln. […]
Hofmann & Lindholm haben durch ihre exemplarische Arbeit mit ‚Alltagsexperten’ die aktuellen Diskurse über den Umgang mit Realität auf dem Theater entscheidend mitgeprägt. […] Es geht bei Hofmann & Lindholm darum, ein Team von Feldforschern zusammen zu stellen, mit dem interventionistische Handlungsanleitungen entwickelt werden, die durchgeführt, dokumentiert und schließlich in einem inszenierten Rahmen auf die Bühne gebracht werden. Wie es Hofmann & Lindholm dabei immer wieder gelingt, Nicht-Schauspieler auf eine ganz besondere Weise in Szene zu setzen und zu den eigentlichen Stars des Abends zu machen, das allein macht ihre Arbeiten schon zu einem faszinierenden Theatererlebnis."
Spielzeitmagazin des Schauspiels Essen 2006 / 2007
"Hannah Hofmann und Sven Lindholm sind aus der Talentschmiede des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft hervorgegangen. Seit 1999 realisieren sie Projekte am Schnittpunkt zwischen Bildender Kunst, Theater und Performance. In Arbeiten wie 'Aspiranten' (2003), 'Alibis' (2004), 'Vom Feuer' (2006), 'Geschichte des Publikums' (2006) oder 'Séancen' (2007) untersuchen sie soziale Strukturen und Systeme nach Spielräumen für Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit. Als Akteure ihrer Projekte schicken sie nur Laien, auch 'Alltagsspezialisten' genannt, in die Wildbahn des Alltäglichen und lassen sie die Probe aufs subversive Exempel machen.
Auf der Bühne werden die subversiven Akte meist mittels Videoeinspielungen und minutiöser, sachlicher Berichterstattung in streng choreografierten Arrangements vorgestellt. Doch Produktionen von Hofmann & Lindholm erschöpfen sich nicht in ihrem szenischen Substrat. Ihnen gehen umfangreiche Recherchen, Aktionen und Dreharbeiten mit den Alltagsspezialisten voraus. Zudem hofft das Regieduo auf Nachwirkungen. Ihre Produktionen verstehen sie als 'Gebrauchsanweisung' fürs Publikum, bei der es nicht darum geht, 'die Regeln, nach denen gesellschaftliches Leben funktioniert, zu sprengen, sondern beweglich zu machen.' Utopie verdichtet sich im Ausprobieren von Möglichkeiten, die lebhaft zwischen subversiver Beweglichkeit und neoliberaler Flexibilität changieren.Den Inszenierungen von Hofmann & Lindholm haftet so oft etwas Strenges, fast Wissenschaftliches an. Man liegt mit der Assoziation an Brechts Lehrstücke, die ja auch auf gesellschaftlich signifikante Verhaltensmuster zielten, nicht ganz falsch. Den Begriff der Wissenschaftlichkeit hören die beiden allerdings nicht gerne. Sven Lindholm spricht von 'Forschung' oder 'Phänomenologie'. Und Hannah Hofmann kontert den Vorwurf der 'Emotionslosigkeit' mit der Bezeichnung 'undramatisch': 'Wir lassen die Motive für das Handeln außen vor.'
In der Aussparung von individueller Handlungsmotivation liegt denn auch ein entscheidender Unterschied zur ebenfalls mit Laien arbeitenden Gruppe Rimini Protokoll, die ihre Stücke gerade aus der gebrochenen Biografie der Mitwirkenden entwickeln. Auch wenn beide Gruppen auf dem Feld theatralischer Dokumentarformen experimentieren, Hofmann & Lindholm gehen dabei in Sachen Authentizität und Fiktion einen entscheidenden Schritt weiter als Rimini Protokoll. So wie ihre 'Alltagsspezialiste' das Verhältnis von Individualität, Bühnenrolle und sozialer Rolle zum Tanzen bringen, so sind die subversiven Akte nicht wirklich zu beglaubigen. Es ist nicht zu klären, ob hier Erfundenes authentifiziert oder Wirklichkeit fiktionalisiert wird."
TAZ vom 25.01.2007
"Hofmann&Lindholm sind ein Künstlerpaar, das sich nicht so ohne weiteres einordnen lässt. Sie sind Konzeptualisten, die sich von bildender Kunst befruchten lassen, Theatermacher, die die Bedingungen von Theater hinterfragen, aber auch Hörspielautoren und Filmemacher. Sie selbst nennen sich gerne „Interventionalisten”. Denn eins ihrer Grundthemen ist der diskrete Eingriff ins alltägliche Bewusstsein. (...) Das „Theater“ von Hofmann&Lindholm begreift sich als politisch, aber ohne aufklärerischen Impuls. Dem Zuschauer wird nicht vorgeschrieben, was er zu denken hat, sondern er wird in eigene Gedanken gestürzt."
aKT.1 vom März 2009
"Die Arbeit am Nicht-Perfekten muss keineswegs immer nur grelle Effekte suchen, sondern vermag es mitunter auch, die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf subtile Weise zu verschieben. Das zeigt […] das Regieduo Hofmann und Lindholm. […] Für die Beschreibung sind zwei Ebenen zu unterscheiden: die Ebene der durchgeführten Aktionen (subversive soziale Praxis), durch die die Handelnden in Kontakt mit der Umwelt treten, und die Ebene der eigentlichen Aufführung, die eine Art 'inszeniertes Protokoll' der Handlungen ist. Ein theoretisches Modell dafür ist Brechts Straßenszene, bei der es auch nicht darum geht, einen Vorgang vorzuführen, sondern von ihm zu berichten, wobei auch Brecht an Laien als Darsteller der Straßenszene dachte. Der Modus der Rede ist damit nicht der Bühnendialog, sondern die Ansprache an das Publikum. […] Es geht bei den Handlungen nicht um raffinierte persönliche Bereicherung. Einige Aktionen kosten die Handelnden mehr als sie einbringen. In diesem pekuniären Sinne lohnt sich die Handlung nicht. Was bringt sie dann? Funktionierende soziale Systeme, Strukturen bzw. Institutionen werden bedient, benutzt, untersucht, beherrscht, ausgenutzt und unterwandert. Dabei weisen sich die Darsteller ihre Rollen selbst zu. Das Verhältnis des Einzelnen zu vorgegebenen Strukturen wird auch auf der Ebene der Aufführung selbst thematisch.
Die Darsteller sind in ein verhältnismäßig starres Formkorsett gestellt. Ihre Handlungsmuster folgen einem fast rituellen Ablaufplan. […] Es wird bei allem auf strenge Ordnung geachtet. Teilweise werden Handlungen parallel oder gemeinsam ausgeführt. Zu einer bewusst gestalteten Interaktion, beispielsweise einem Gespräch untereinander, kommt es kaum. Man gewinnt den Eindruck, diese Menschen wissen, was sie tun; sie verstehen sich, ohne miteinander zu sprechen. Die Darsteller verzichten vollkommen darauf, ihre Eindrücke, Ängste oder Empfindungen mitzuteilen. Von Zweifeln oder Problemen ist gar nicht die Rede. Hier werden keine Gefühle ausgedrückt, sondern Handlungen zu Protokoll gegeben. Hierdurch gewinnen die Darsteller eine mitunter unheimliche Souveränität. Ihr Handeln erscheint konspirativ und man weiß nicht genau, ob von ihnen eine Bedrohung ausgeht oder ob man den kreativen Guerilla-Kampf eher belächeln soll. […] Die Inszenierung macht auf dieser formal-darstellerischen Ebene körperlich erfahrbar, was sie inhaltlich in den Handlungsberichten beschreibt: Wie passt man sich in ein soziales System ein, ohne sich ihm gänzlich anzupassen?"
dramaturgie. Zeitschrift der Dramaturgischen Gesellschaft 2006
"Theaterleute, aber zunehmend auch Künstler anderer Herkunft, operieren […] verstärkt an den Grenzen zwischen Theater und Realität, indem sie immer wieder auch mit Laien arbeiten, indem sie den Theaterraum verlassen und andere Wahrnehmungs- und Begegnungsformen sowohl mit dem Theater als auch mit Menschen suchen, die – wenn überhaupt – eher zu den Zuschauern (durchaus im weitesten gesellschaftlichen Sinne […]) zu rechnen sind. So zu sehen und zu erleben beispielsweise bei Frank Castorf, Elena Kovylina, Jochen Gerz, Rimini Protokoll (Haug/Wetzel/Kaegi) oder den Projekten von Hofmann & Lindholm. In den Arbeiten dieser Künstler wird die Möglichkeit eröffnet, den Begriff des Spiels in seinen unterschiedlichen Facetten aufzufalten, und zwar so weit, dass er sich wieder einer neuen Vorstellung von Authentizität annähert, bzw. die Frage nach dem Authentischen erneut Relevanz gewinnt, ebenso wie Fragen nach (politischer und ästhetischer) Macht und Moral."
Theater der Zeit / Recherchen 18, Berlin 2004
"Die Theaterabende […] Hofmanns & Lindholms et al. zielen, auch wenn sie mit der Wirklichkeits-Aura der Laien kalkulieren, natürlich nicht nur nach der Abbildung von Realität, Biographie oder Identität auf der Bühne. Eher behandeln sie die Laiendarsteller als szenisches Material, das sich jedoch nicht ganz so zuverlässig wie ein Legostein in die Inszenierungen einbauen lässt. Oder sie benutzen, wie Hofmann & Lindholm, dokumentarische Formen und Methoden, um Erfundenes zu authentifizieren: Die Wirklichkeitsschnipsel erfüllen auch ästhetische Funktionen. Doch weil sie das Aufzählen und Zeigen dem Erzählen und Interpretieren vorziehen, haben sie nichts vom ideologisch Verbissenen (Medienkritik!), von der Sperrigkeit und hermetischen Verschlossenheit (Avantgarde!), die konzeptionelles Theater auch schon ausgezeichnet hat und bisweilen noch auszeichnet. Stattdessen sitzt man meistens bestens unterhalten in diesen biographischen oder kulturwissenschaftlich angehauchten Untersuchungen, als war's das amüsanteste Revuetheater, bloß ohne sich für blöd verkauft zu fühlen"
Theaterheute-Jahrbuch 2003
- Desinformationsabend für Inoffizielle Mitarbeiter
„Burkhard Bier ist Ankleider im Kölner Theater, und kaum etwas ist ihm so wichtig wie Kleidung. Die Krankenschwester Lara Pietjou wiederum macht kein Hehl aus ihrer Liebe zum Geld. Zusammen mit ihren Mitspielern Roland Görschen, Andrea Boehm-Tettelbach und Tobias Fritzsche formieren sie ein Quartett, das sich in dem sehenswerten Abend „Noch nicht“ des Regieduos Hofmann&Lindholm Gedanken über Werte und deren Sicherung macht. Mit ausgesuchter Höflichkeit stellen sich die fünf Akteure vor, geben diskret ein paar Eigenheiten preis und lassen dann in ihr individuelles Wertportfolio blicken. Für Tobias Fritzsche geht nichts über sein Adressbuch, Andrea Boehm-Tettelbach hängt an den Fotos ihrer Familie. Dabei werden aufklappbare Holzkästen präsentiert, in denen persönliche Favoriten wie Hemden, Geldbeutel oder Ausweise als Ausstellungsstücke in einem Herbarium der Werte aufgereiht sind. Theaterabende des Künstlerduos Hofmann&Lindholm sind Abende der Verunsicherung. Das kündig ihr neues Stück schon im Titel an. Die Frage nach den Werten ist jedoch nur der Ausgangspunkt, denn Werte wollen gesichert sein. Wie üblich arbeiten Hofmann&Lindholm mit sogenannten ‚Komplizen’, ... die im Vorfeld in den öffentlichen Raum delegiert wurden, um dort nach ‚sicheren’ Hohlräumen und Leerstellen zu fahnden, die einem zunehmend bedrohten privaten Raum vorzuziehen sind. ‚Noch nicht’ stellt die Resultate dieser Recherche als Theaterstück vor. So erzählt Andrea Boehm-Tettelbach, wie sie ihre Fotografien auf den Werbeflächen von Einkaufswagen anbringt. Tobias Fritzsche installiert in einem fremden Haus einen (toten) Briefkasten und deponiert darin Teile seines Adressbuchs. Roland Görschen vertauscht seinen Personalausweis mit dem Mustermnn-Exemplar eines Fotoautomaten. Das subjektiv Wertvollste wird konspirativ coram publico in Sicherheit gebracht und zugleich als individuelles Memento in der Öffentlichkeit zurückgelassen. Dass dieser Abend keine Minute langweilt, hat auch mit seiner virtuosen Dramaturgie zu tun. Da ist einmal der Ton forschender Genauigkeit mit präzisen Angaben von Daten, Uhrzeit und Detailbeobachtungen, der unversehens in verunsichernde Komik umschlägt, wenn die Genealogie der Familie Mustermann ausgebreitet wird. Zugleich entfaltet der Abend seine Spannung auf den Beginn eies ominösen ‚Testlaufs’ hin, der sich dann als Rückholaktion der Wertsachen entpuppt.“
General-Anzeiger vom 13. 10. 2009
„Die Kölner Theatermacher Hofmann&Lindholm sind ausgefuchste Dialektiker und Artisten im Spiel mit der Wahrnehmung. Nichts ist so, wie es scheint, und wenn, dann glaubt es niemand. ‚Noch nicht’ heißt ihre jüngste Versuchsanordnung, und die ist skurril ausgedacht und dramaturgisch glänzend auf die Bühne gebracht. ... Das Duo Hofmann&Lindholm gehört zu den Theatermachern, die nicht Fiktion, sondern Wirklichkeit auf die Bühne holen, nicht Dramen abrollen lassen, sondern Versuchsanordnungen rekonstruieren. ‚Noch nicht’ kreist um das Thema Sicherheit, das immer mehr Raum greift im öffentlichen Leben, um den Kontrollwahn, der doch von den absurden Interventionen der Komplizen mühelos unterlaufen worden ist, ob das Experiment nun in einem alarmgesicherten Ladenlokal, einem Amt, einem Linienbus oder im Automatenraum einer Bank stattgefunden hat. ... Geschichten werden gegeneinander geschnitten, verrätselt, so dass der Zuschauer die simpelsten Handlungen mit abenteuerlichen Bedeutungen auflädt. ... Der Abend spielt ein raffiniertes Spiel mit dem Publikum. Es wird auf Distanz gehalten, verwirrt, zum Komplizen gemacht und wieder seinen eigenen, wirren Spekulationen überantwortet. Verunsicherung ist nicht nur das Thema, sondern auch das Mittel, mit dem die Theatermacher arbeiten. Das Künstlerpaar Hofmann&Lindholm hat auf der Bühne der Schlosserei einen nachhaltigen, intelligent-unterhaltsamen, überraschenden und ironisch-aufklärerischen Theaterabend realisiert.“
akt.7 – Theaterzeitung vom November 2009
„Wenn Sie in einem Handy-Telefonat die Worte ‚Übergabe’, ‚Operation’, ‚Koffer’ und ‚Ziel’ benutzen, können Sie fast sicher sein, dass ihr Gespräch aufgezeichnet wird. Davon jedenfalls sind Hofmann & Lindholm überzeugt. Das in Köln lebende Künstlerpaar dreht deshalb den Spieß um. Statt sich über den Zugriff der Staatsmacht auf ihre Bürger zu empören, arbeiten die beiden subversiv und liefern die Verdachtsmomente, auf die die Organe des Innenministeriums reagieren könnten. Eine kunstvolle Form zivilen Ungehorsams, für die sie sich "Komplizen" suchen. Und damit sind nicht allein Persönlichkeiten wie Karin Beier gemeint, die ihnen ermöglichen, ihre Aktionen in der Schlosserei zu realisieren, sondern auch die Leute, die auf der Bühne agieren. Bei der Uraufführung von "Noch nicht" sind es fünf Personen (Burkhard Bier, Andrea Boehm-Tettelbach, Tobias Fritzsche, Roland Görschen und Lara Pietjou), in deren Auftritt Schauspiel, Aktion und Realität miteinander verschmelzen. Der komplette Abend besteht aus Protokollen, die vom Quintett gesprochen werden, als ginge es hier um andere Personen, tatsächlich scheinen die Akteure zu fiktiven Personen in einem Spiel zu werden. Man kennt jenen betont sachlichen Ton, der dennoch jedes Detail bedeutungsschwanger auflädt, aus dem Fernsehen. Was dort Kriminalfällen einen dramatischen Anstrich verleihen soll, wird hier für im Grunde harmlose Verrichtungen benutzt. Aber sie könnten Verdacht erwecken. ... Zugleich liegt etwas Zartes in der Genauigkeit, mit der hier über Alltägliches gesprochen wird. Und ganz nebenbei zeigt sich, dass zur Konsistenz unseres Realitätsbewusstseins mehr als die Summe der Einzelteile unserer Welt gehört. Ein interessantes Experiment bieten die beiden Realitätsforscher. Wie in einem Naturkundemuseum alter Prägung stellen sie gesellschaftliche Wirklichkeit auf der Bühne aus. Das ist politisches Theater ohne Aktion. Gegenstände werden gezeigt, Abläufe beschrieben, wir können die Welt wie ein Terrarium im Theater betrachten - durchaus liebevoll, denn die unerschöpfliche Geduld eines Zuhörers ist immer vorausgesetzt.“
Kölnische Rundschau vom 11. 10. 2009
„’Sicher ist sicher’, denkt sich Lara Pietjou und befestigt mit Hilfe einer treffend benannten Sicherheitsnadel den Briefumschlag, der einen Teil ihres Krankenschwesterngehalts birgt, unter dem Hocker in einer Filiale ihrer Hausbank. Das Kölner Regieduo Hannah Hofmann und Sven Lindholm hat für sein Debüt am Kölner Schauspiel fünf Menschen auf Expedition in Zonen geschickt, die sich zwischen dem privaten Rückzugsgebiet, dem öffentlichen Raum und dem Hausrechtsgebiet der großen Konzerne, Banken und Versicherungen auftun. Es gilt, den jeweils innigst gesicherten Schatz zu veräußern, der Öffentlichkeit anzuvertrauen und im selben Zug die Privatsphäre zu erweitern. Burkhard Bier, der gerne maßgeschneiderte Kleidung trägt, deponiert ausgesuchte Ensembles in den Umkleidekabinen und der Dekoration großer Kaufhäuser. Andrea Boehm-Tettelbach verziert mit den Bildern ihres Familienalbums die Stammkundenecke des Kaufhof-Restaurants und die Werbeflächen der Einkaufswagen im örtlichen Supermarkt. Tobias Fritzsche versteckt über lange Jahre angesammelte Briefe und Adressen in toten Briefkästen und in einem Vogelhäuschen im hoch gewachsenen Benjaminus Ficus in einem Innenhof des Spanischen Baus. Und Roland Görschen lässt die Buslinie 141 seinen Führerschein spazieren fahren.
In der Schlosserei des Kölner Schauspielhauses berichten die fünf Laiendarsteller - Hofmann & Lindholm nennen sie ‚Komplizen’ - von ihren kleinen Interventionen in den geregelten Lauf der Dinge. Allerdings nicht in der ersten Person Singular. Biografisches bleibt außen vor, wer Erlebnisberichte erwartet hat, wird enttäuscht. Stattdessen hat das Regieteam den Text künstlerisch im Stile einer militärischen Operation durchgeformt.
In einer früheren Arbeit sammelten Hofmann & Lindholm auf Theaterproben Text-Aussetzer der Schauspieler auf Film, weil sie dem psychologischen Aufgehen des Akteurs in seiner Rolle misstrauen. Bei der freitäglichen Premiere musste nun einer ihrer Komplizen mit einem schlimmen Blackout kämpfen. Da stellt sich die Frage, inwieweit die Regisseure durch ihre künstlerische Verfremdung des Erlebten den Selbst-Darstellern wieder Rollen zuweist. Ohne eine Antwort darauf zu haben, lässt sich sagen, dass dies den Abend spannender macht. Ebenso die Frage, welche der referierten Aktionen tatsächlich ausgeführt wurde.
Dazu passend bewegen sich die Darsteller nach einer Choreografie, präsentieren in Holzkästen Exponate, die die Authentizität der Aktionen belegen sollen, sie gleichzeitig jedoch auch - etwa wenn ein Kasten nur eine ausgestopfte Taube und einen Silberkelch enthält - in den Bereich des Metaphorischen verweisen. Das gleiche geschieht, wenn eine Nachbarin Burkhard Biers als Stimme des Volkes zitiert wird und diese als Frau Keuner vorgestellt wird, in Anspielung auf eine literarische Figur Bert Brechts, mit dem sich Burkhard Bier die Initialen teilt. Die Inszenierung gibt sich angenehm nüchtern bis lässig, wie ja auch die beinahe schelmisch zu nennenden Handlungen der Darsteller im Großen und Ganzen nicht der Rede wert sind. Noch nicht, wie der Titel des Abends droht. Denn gerade in ihrer ausgestellten Harmlosigkeit sind sie doch wirkungsvolle Eingriffe in die Welt des Spektakels, wenigstens aber Versprechen derselben.“
Kölner Stadtanzeiger vom 11. 10. 2009
„Aus den Berichten ihrer Komplizen haben Hofmann&Lindholm einen schillernden, von einer feinen Ironie durchzogenen Theatertext geformt. Und den bringen die Fünf nun selbst auf die Bühne. In den beiden kleinen Worten „noch nicht“ offenbart sich das Doppelbödige dieses Theaterabends. Noch ist es nicht so weit, dass die Menschen ihre wichtigsten Habseligkeiten verstecken müssten. Noch ist die Möglichkeit, alles hinter sich zu lassen, nicht wertvoller als das Zuhause. Aber es ist auch noch nicht so weit, dass man das Treiben der Komplizen als harmlos bezeichnen könnte. Schließlich hat ihre Aktion durchaus etwas von dem Vorgehen terroristischer Zellen. So wie sie Kleidung und Geld deponieren, könnten auch ganz andere Dinge an neuralgischen Stellen des öffentlichen Lebens platziert werden.“
Ruhr Nachrichten vom 15.10.2009
„Menschen können ohne Gerechtigkeit leben, aber nicht ohne Hoffnung, heißt es, und weil Theater auch ein Ort für Träume sein darf, gibt's seit kurzem ein neues Genre: ‚Revoltainment’, intelligentes Entertainment für Sozialromantiker, erschaffen vom Kölner Performance-Duo Hofmann & Lindholm. In ihrer im Forum Freies Theater Düsseldorf gezeigten Produktion ‚Faites vos jeux’ inszenieren sie das Ideal eines Aufstands: deutsch durchorganisiert, aber spaßig wie ein Jugendferienlager.
Ein Supermarkt, eine Bank, ein städtisches Busunternehmen proben die Rebellion. Fünf Tage lang reißen die Mitarbeiter eine Lücke ins System. Die Busfahrer fahren ihre Routen ab, leeren die Tanks ihrer Wagen, ohne einen einzigen Fahrgast zu befördern, Bank- und Super Supermarktangestellte verbarrikadieren sich an ihren Arbeitsplätzen. Im Supermarkt werden die Regale leerkonsumiert, die Bank gibt per Scheck die Guthaben ihrer Kunden zurück und schreibt: ‚Wir möchten Sie bitten, von weiteren Geschäften mit unserem Haus abzusehen.’ Fünf Tage Autonomie, der ‚Dienst am Kunden wird mittelfristig quittiert’. Dann trennen sich die Revolutionäre. Kein Umsturz hat stattgefunden. Aber eine Störung.
So auch das Kunstprinzip von dem sich als ‚Interventionalisten’ bezeichnenden Künstlerpaar Hannah Hofmann und Sven Lindholm, die für ihr Dokutheater immer wieder ‚Komplizen’ rekrutieren, um mit ihnen die Wirklichkeit zu theatralisieren. Mit wunderbarer Präzision schnurrt in ihrer 2008 entstandenen Produktion ‚Faites vos jeux’ der Theater-Mechanismus. Exakt getaktet sind die Texte der sechs Performer. Eine Sprech-Choreografie, bei der nur ganz selten mal ein Satz darstellerisch illustriert wird. Statt nachzuspielen, rekonstruieren die Performer den Ablauf ihrer Rebellion verbal mit der Sachlichkeit von Polizeiprotokollen - aber mit dem Lächeln des Triumphs.
Auf der Bühne gibt es nur ein paar Schaukästen, in denen die Revolutionäre ihre ‚Tat’-Objekte wie Indizien postieren: Handys, Stadtpläne und einmal als besonderen Gag Tomaten in jeglicher Konsistenz. Widerstand ist zwecklos, aber heiter. So befreit sich auch die Bühne von jedem Erwartungsdruck und behauptet mit charmantem ‚Revoltainment’ ihre Souveränität."
Kölner Stadtanzeiger vom 30.03.2009
"Am Anfang im Raum verteilt: einige Vitrinen, beleuchtet und noch leer. Im Laufe des Abends werden sie sich mit ständig wechselnden Gegenständen aus der Berufswelt füllen und somit der Zukunftsprojektion etwas Museales verleihen. Dann beginnt fast heiter der erste Tag der Revolte, Tag X. Alle sehen immer wieder auf die Uhr, die Spannung wächst, man zählt den Start an, der auch nicht ganz unaggressiv vor sich geht: Eine Milchflasche, ein Schlips und ein Gürtel wirken wie Waffen in den Händen der vorher gecasteten Informanten, einen für jeden Arbeitsplatz.
Die Bank ist dicht. Der Supermarkt auch. Peter Pietz fährt die Linie 785 nur noch für die Belegschaft durch die Stadt. Außer ihm, dem Bankangestellten Thorsten Hemme und Skadi Seeger aus dem Supermarkt sind auf der Bühne eine Krankenschwester, ein Feuerwehrmann, ein Sprecher und ein Schauspieler. Peter Pietz fährt am Arbeitsamt vorbei: Dort ist alles verlassen, die Mitarbeiter haben sich in neue Jobs vermittelt. In der Post werden fleißig Briefe geschrieben, an die anderen Filialen: Zum Ziel haben sich alle gesetzt, die betriebseigenen Ressourcen zu verbrauchen – in der Post also Briefmarken und Briefbögen. In der Bank wird der Strom abgestellt, dennoch sorgfältig darauf geachtet, dass die Alarmanlage mit dem Notstromaggregat funktioniert. Wir erfahren, wie sehr Arbeitsplätze mit Persönlichkeiten von Angestellten verwachsen sein können. Selbst beim Verbrauchen ihrer Ressourcen – sehr witzig und selbstironisch – sind die Banker diszipliniert und höflich. Suppe und Tee ziehen sie sich am Automaten. Im Supermarkt sind die Angestellten besser versorgt. Hier kommt regelrechte Zeltlagerstimmung auf: Man macht ein Lagerfeuer und versinkt daraufhin fast im Regen der Sprinkleranlage. Anschließend werden die Putzmittel aufgebraucht, inzwischen ist das durchaus sinnvoll. Peter Pietz, der Busfahrer, drückt dem Abend die persönlichste Note auf mit seiner beschaulichen Gemütlichkeit, mit der sich viel Friedvolles auf die Bühne herabsenkt. Diese Darsteller mag man, und zwar alle. Der protokollarische Stil der fiktiven Erzählung schafft Abstand, die Blickführung in diesem gewitzten Text aber große Nähe zum Detail. Diese Details betreffen Abläufe, aber auch die Belegschaften – Persönlichkeiten, die nicht auf der Bühne sind, die aber im Supermarkt handliche Frikadellen für die anderen formen oder erschöpft über dem Kontoauszugsdrucker einschlafen. Das ist vor allem: liebevoll.
Damit wirken Idee und Ausführung des Konzepts völlig unterschiedlich: Hört man die Idee, bezieht man sie auf den eigenen Job. Und denkt weiter: Was wäre zum Beispiel, wenn auch die Bestattungsunternehmer… Kommt man aber aus der Inszenierung, geht man zunächst einmal mit einem geschärften Blick für die anderen durch die Welt. Der Impuls, den man spürt, ist überraschenderweise vor allem: Dankbarkeit. Ja, wir wollen uns weiterhin mit diesen Menschen austauschen und an den Kreisläufen, die sie verwalten, teilhaben. Schließlich endet die Revolte so friedlich, wie sie im Prinzip auch begonnen hat. Man kann überrascht sein über das zutiefst Menschliche, aber schon das Konzept bedeutet keinen Ausbruch und lässt die Subjekt-Objekt-Beziehungen flirren. Es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl mit den Revoltierenden. Nein: Hofmann & Lindholm sagen nicht, wie die Welt aussieht, oder verraten eine Patentlösung. 'faites vos jeux!' ist ein Spiel mit Möglichkeiten, mit viel Raum für den Zuschauer, selbst festzustellen, wo utopisches Potential liegen kann. Es ist ein mehr kuscheliges so genanntes "Revoltainment" geworden. Aber verbissene, aggressive Revolten schränken in der Regel auch eher die Möglichkeiten ein."
WDR 3 am 29. Mai 2008
"Sechs Blicke braucht Peter Pietz, bevor er losfährt. Der Busfahrer sitzt am Bühnenrand im Juta und demonstriert die Strategien seiner (Verkehrs-) Versicherung, bevor er zum großen Abenteuer der Verschwendung aufbricht. Zusammen mit Kollegen will er durch permanente Leerfahrten das Benzin der Busflotte auf Null bringen: Der Weg ist das Ziel. Was das Regieduo Hofmann & Lindholm sich für ihren neuen Abend „Faites vos jeux!“ im FFT ausgedacht hat, ist ein utopisches Spiel, das kapitalistische Grundbegriffe wie Warenproduktion, Erwerbslogik und Gebrauchswert in Frage stellen soll. Sieben Laiendarsteller stehen auf der Bühne des Juta, vom Busfahrer über Angestellte aus Supermarkt und Bank bis zur Krankenschwester. Wie in einer filmischen Parallelmontage werden zunächst Tagesabläufe geschildert, die alle auf High Noon am Tag X, dem Tag der Verschwendung zulaufen. Pünktlich um 12 Uhr schließen nämlich die unentbehrlichen Einrichtungen unseres Wirtschaftskreislaufs und beginnen mit der Ressourcenverschwendung. Da verbarrikadiert sich Skadi Seeger mit ihren Kollegen im Supermarkt („Die Besatzung hat begonnen“), baut Zelte auf, richtet eine Kochstelle und einen Müllplatz ein. Während die Darsteller die Vorgänge mit dokumentarisch exaktem Ton schildern, eilen sie zwischen elf Vitrinen hin und her und bestücken sie mit Weckern, Krawatten, Fotos oder Handys: die Werkzeuge ihres Arbeitslebens wandern ins Museum. Im Wechsel werden nun die Vorgänge in der Bank, die die Guthaben an die Besitzer rücküberweist, oder dem Krankenhaus, wo die Angestellten sich selbst pflegen, beschrieben. (...) Der Theoretiker Georges Bataille stellte 1967 fest, dass viele menschliche Tätigkeiten wie Trauer, Sex, Krieg, Kunst oder Spiele nach dem Prinzip der rauschhaften Verschwendung funktionieren. Bei Hofmann & Lindholm nimmt dieser Rausch die fürchterliche Komik eines sehr deutschen Protestes an (...).
Westdeutsche Zeitung am 29. Mai 2008
„Gutes tun als subversive Strategie: Das Regieduo Hofmann & Lindholm, spezialisiert auf Störungen im Warenkreislauf, bereitet am Schauspiel Essen sein neues Stadterkundungsprojekt 'Séancen - Versuche zur Aufhebung der Schwerkraft' vor.
Matthias Turowski hat offenbar einen schweren Gang vor sich. Beflissen legt er alle privaten Dinge auf den Tisch: Handy, Schlüssel, Notizblock mit Stift, Geldbörse, Uhr und lose Münzen. Er trifft Vorbereitungen, als ob er ins Gefängnis ginge, und berichtet doch vom Gegenteil. Matthias Turowski hat Gutes getan. Minutiös erzählt er, wie er in einem Essener Geschäft anonym die ausstehenden Schulden ihm unbekannter Menschen bis zu einer Gesamtsumme von 50 Euro beglichen hat. Krankhafter Altruismus oder Helfersyndrom? Weder noch. Die Szene stammt aus der Produktion 'Séancen - Versuche zur Aufhebung der Schwerkraft', die das Regieduo Hofmann & Lindholm gerade als Koproduktion des Schauspiels Essen und des FFT Düsseldorf realisiert. Hannah Hofmann (* 1971) und Sven Lindholm (* 1968) sind aus der Talentschmiede des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft hervorgegangen. Seit 1999 realisieren sie Projekte am Schnittpunkt zwischen Bildender Kunst, Theater und Performance. In ihren Arbeiten untersuchen sie soziale Strukturen und Systeme nach Spielräumen für Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit. Als Akteure ihrer Projekte schicken sie nur Laien, auch 'Alltagsspezialisten' genannt, in die Wildbahn des Alltäglichen und lassen sie die Probe aufs subversive Exempel machen. Auf der Bühne werden die subversiven Akte meist mittels Videoeinspielungen und minutiöser, sachlicher Berichterstattung in streng choreografierten Arrangements vorgestellt.
Doch Produktionen von Hofmann & Lindholm erschöpfen sich nicht in ihrem szenischen Substrat. Ihnen gehen umfangreiche Recherchen, Aktionen und Dreharbeiten mit den Alltagsspezialisten voraus. Zudem hofft das Regieduo auf Nachwirkungen. Ihre Produktionen verstehen sie als 'Gebrauchsanweisung' fürs Publikum, bei der es nicht darum geht, 'die Regeln, nach denen gesellschaftliches Leben funktioniert, zu sprengen, sondern beweglich zu machen.' Utopie verdichtet sich im Ausprobieren von Möglichkeiten, die lebhaft zwischen subversiver Beweglichkeit und neoliberaler Flexibilität changieren. Den Inszenierungen von Hofmann & Lindholm haftet so oft etwas Strenges, fast Wissenschaftliches an. Man liegt mit der Assoziation an Brechts Lehrstücke, die ja auch auf gesellschaftlich signifikante Verhaltensmuster zielten, nicht ganz falsch. Den Begriff der Wissenschaftlichkeit hören die beiden allerdings nicht gerne. Sven Lindholm spricht von 'Forschung' oder 'Phänomenologie'. Und Hannah Hofmann kontert den Vorwurf der 'Emotionslosigkeit' mit der Bezeichnung 'undramatisch': 'Wir lassen die Motive für das Handeln außen vor.' In der Aussparung von individueller Handlungsmotivation liegt denn auch ein entscheidender Unterschied zur ebenfalls mit Laien arbeitenden Gruppe Rimini Protokoll, die ihre Stücke gerade aus der gebrochenen Biografie der Mitwirkenden entwickeln. Auch wenn beide Gruppen auf dem Feld theatralischer Dokumentarformen experimentieren, Hofmann & Lindholm gehen dabei in Sachen Authentizität und Fiktion einen entscheidenden Schritt weiter als Rimini Protokoll. So wie ihre 'Alltagsspezialisten' das Verhältnis von Individualität, Bühnenrolle und sozialer Rolle zum Tanzen bringen, so sind die subversiven Akte nicht wirklich zu beglaubigen. Es ist nicht zu klären, ob hier Erfundenes authentifiziert oder Wirklichkeit fiktionalisiert wird. Mit 'Séancen' betreten Hofmann & Lindholm nun allerdings Neuland. Ihre Alltagsspezialisten arbeiten sich diesmal nicht an gesellschaftlichen Strukturen, sondern, indem sie Gutes tun, an anderen Menschen ab. Wenn sich die 'Alltagsspezialistin' Uta Wallstab in eine Turnhalle begibt und vorsätzlich Löcher und schadhafte Stellen in der Kleidung Jugendlicher ausbessert, dann ist das, so Hannah Hofmann, 'vorauseilender Dienst am Nächsten'. Jeder erwarte doch eigentlich, wenn er etwas Gutes tue, eine Gegenleistung. Insofern, ergänzt Sven Lindholm, ist 'Gutes tun ohne erwartetes Gegenhandeln im Kapitalismus subversiv'.
TAZ vom 25.1.2007
"Wer Tischrücken und Klopfzeichen erwartet, fängt angesichts der nüchternen Bühne - Projektionswand, Tapeziertische, Sitzgelegenheiten - zurecht zu zweifeln an. Und so soll es sein: 'Séancen' ist der erste Teil eines 'Stadterkundungsprojekts' des Essener Theaters unter dem Motto 'Glaube-Liebe-Hoffnung' - und Glaube und Zweifel gehören bekanntlich zusammen. Zwei Männer und drei Frauen empfangen die Zuschauer in der Casa, der kleinen Spielstätte des Essener Schauspiels. Entspannt und für sich steht jeder da, wach, selbstbewusst, herausfordernd. In Kürze werden sich die fünf, je nach Lesart, als Wohltäter, als interessierte Erforscher gesellschaftlicher Mechanismen oder als Beinahe-Psychopathen zu erkennen geben. Zunächst jedoch setzen sie sich brav in eine Reihe und lesen vor: Tagebucheinträge einer Essener Wetterstation. Von Lichterscheinungen ist die Rede, von Entladungen und Gewitter. Die Wetterforschung also hält diesen Abend zusammen, verleiht ihm dramaturgische Geschlossenheit. […]
Die beiden Theatermacher arbeiten nicht mit Schauspielern, sondern mit 'Forschern' und 'Experten'. Bei 'Séancen' beispielsweise erstatten die Darsteller Bericht über 'Wohltaten', die sie Mitmenschen angedeihen ließen. Sie tragen 'privat' wirkende Kleidung, nennen sich bei ihren 'richtigen Namen' und konterkarieren mit ironisch-distanzierter Pose und gelassenem Vortrag jeden Verdacht auf theatralische Selbstverwirklichung. Genaue Zeit- und Ortsangaben in ihren Berichten über ihre 'guten Taten' dienen der vermeintlichen Verankerung in der Wirklichkeit. Die eine wirft ihre (gelesenen) Zeitungen dem Nachbarn in den Briefkasten. Ein anderer erneuert ungefragt und unentgeltlich Wischerblätter einer bestimmten Automarke, während die Fahrer einkaufen. Als Beweis dienen Videoaufnahmen, die allerdings noch etwas anderes dokumentieren oder entlarven: Im Bild sind nicht die Empfänger, sondern stets die Wohltäter, in Nah- und Großaufnahme, in Pose. Eine Reaktion der 'Beschenkten' wird höchstens im negativen Fall am Rande angemerkt, etwa wenn der Schwarzfahrer, durch eine Gruppenkarte vor einer Strafe bewahrt, ohne Dankeschön davonschlurft.
'Séancen' ist kein Abend über Gutmenschentum, Hilfsbereitschaft, christliche Werte oder Atavismus, sondern ein spitzbübisch entlarvendes Stück über Machtausübung. Die wachsenden Grenzüberschreitungen aufseiten der Wohltäter und die behaupteten 'niederen Instinkte', die indirekt erschlossene Undankbarkeit der Beschenkten werden zu einer immer unheimlicheren Mischung, das selbstbewusste Lächeln der 'Komplizen' gewinnt diabolische Züge. Der Höhepunkt: Die Kräfte der fünf bündeln sich in einem bezahlten Marsch für Arbeitslose. Die Teilnehmer wurden per Annonce gefunden und werden, ironischer Seitenhieb, vor dem Standbild von Alfred Krupp ausbezahlt: Da ist das Stadterforschungsprojekt besonders deutlich in der Region verankert.
Nach so viel wachsendem Unbehagen beendet ein reinigendes Gewitter den Abend. Der Bericht der Essener Wetterstation listet nur 'Sekundärschäden' auf. Danach, so vermelden die Zeugen, ist alles beim Alten, die Welt wieder in Ordnung. Die immer wieder zitierten 'Zeugen' der Wettervorkommnisse sind, wie man auf der Projektionswand sieht, die fünf 'Komplizen'. Natürlich glauben wir ihnen kein Wort mehr, Fiktionalisierung und Dokumentation, Behauptung und Irreführung erweisen sich an diesem Abend als ununterscheidbar: eine Theaterlehrstunde in Medienkunde sozusagen. Auch das Premierenpublikum entlädt die Anspannung von knapp 90 Minuten in einem reinigenden Gewitter: donnernder Applaus."
Kölner Stadtanzeiger vom 28.1.2007
„Die Furt der Ungewissheit. Uta Wallstab dringt in eine Turnhalle ein. Es ist frühmorgens, der Unterricht hat begonnen, aus der Ferne hört man schwach Rufe von Schülern. Sorgsam tastet die junge Frau die Kleidung der Jungen ab, gleitet sensorisch mit ihren Händen über die Ärmel eines Anoraks, das Bein einer Hose, den Stoff eines Beutels. Kein Zentimeter entgeht ihr. Und dann findet sie, was sie sucht: durchgescheuerte Stellen, Löcher, abgerissene Knöpfe. Professionell holt sie Nadel und Faden hervor und macht sich ans Werk. Stück für Stück bessert sie Schadhaftes aus und verschwindet unerkannt wieder aus der Halle. Gutmenschentum, Helfersyndrom oder über¬steigerter Altruismus? Weder noch. Uta Wallstab ist eine von fünf ‚Alltagsspezialisten’, die in der Produktion ‚Seancen - Versuche zur Aufhebung der Schwerkraft’ ihr helfendes Unwesen treiben.
Angestiftet dazu hat sie das Reqieduo Hofmann & Lindholm, das diesen Abend als Koproduktion des Theaters Essen zusammen mit dem FFT in Düsseldorf inszeniert hat. Da geht Rosh Shogaziba in einen Supermarkt und lässt planvoll Menschen in der Warteschlange vor, Matthias Turowski wiederum begleicht in einem Essener Geschäft anonym die ausstellenden Schulden ihm unbekannter Menschen bis zu einer Gesamtsumme von 50 EUR. Von den Aktionen selbst sieht man außer ein paar verschwommenen Bildern auf einer Leinwand kaum etwas. Im Zentrum steht der Vorgang der Dokumentation. Die fünf Akteure sitzen oder stehen mit Blick zum Publikum und berichten mal ernst, mal mit wissendem Lächeln unter penibler Orts- und Zeitangabe von ihren Aktionen. Psychologie oder Handlungsmotivation spielen dabei keine Rolle. Doch in der strengen Choreografie der Abläufe, dem Gleiten von Tischen und Stühlen, den Tonschleifen der Musik liegt etwas von der Reibungslosigkeit unserer Normalität. In dieses Meer des Normalen schlagen Hofmann & Lindholm eine Furt der Ungewissheit. Das beginnt damit, dass der Abend mit einer angeblich genau dokumentierten ‚Leuchterscheinung’ gerahmt wird. Ob Blitzschlag oder Meteor - es handelt sich auf jeden Fall um ein Ereignis, das für einen kurzen Moment den Alltag außer Kraft setzt. Damit schlägt die Stunde von Roland Görschen, der Gegenstände im Pfandhaus erwirbt und sie ihren ehemaligen Besitzern zurückgibt. Oder Mirjam Orlowsky, die Luxusgüter in die Einkaufstüten von Senioren schmuggelt.
Der Witz liegt einmal darin, dass dieses unentgeltliche Handeln im herrschenden Kapitalismus plötzlich als subversiv erscheint. Zum andern, dass man sich bei Hofmann & Lindholm nie sicher sein kann, ob die subversiven Akte wirklich geschehen sind oder ob hier nicht einfach Erfundenes authentifiziert wird. Und so verlässt der Betrachter diesen wunderbaren Abend mit einem unstillbaren Zweifel und einer Sehnsucht nach Beglaubigung, die ihm aber nie gewährt wird.“
Theater der Zeit, April 2007
„Das Regieduo Hofmann & Lindholm zeigt in seiner Produktion ‚Séancen’, wie man dem Kapitalismus ein Schnippchen schlägt. Ein Projekt am Schnittpunkt von Bildender Kunst, Theater und Performance.
Uta Wallstab hat ihr Badezimmer liebevoll hergerichtet, Handtücher, Badezusätze herbeigeschafft. Sie sollen es schließlich schön haben. Sie – das sind wildfremde Menschen, die Uta Wallstab mittels eines Aushangs an Seniorenheimen, Bahnhöfen oder Studentenwohnheimen aufgefordert hat, ihr Badezimmer unentgeltlich zu benutzen. Gutmenschentum, Helfersyndrom oder übersteigerter Altruismus? Weder noch. Uta Wallstab ist eine von fünf ‚Alltagsspezialisten’, die in der Produktion ‚Séancen – Versuche zur Aufhebung der Schwerkraft’ am Theater Essen ihr helfendes Unwesen treiben. Angestiftet dazu hat sie das Regieduo Hofmann & Lindholm […] Seit 1999 realisieren Hannah Hofmann und Sven Lindholm Projekte am Schnittpunkt zwischen Bildender Kunst, Theater und Performance. Sie arbeiten ausschließlich mit Laien und untersuchen dabei unsere fest gefügte Alltagswelt nach Spielräumen für Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit. Anders als bisher agieren ihre Alltagsspezialisten diesmal jedoch im Kontakt mit ihren Mitmenschen. Da geht Rosh Shogaziba in einen Supermarkt und lässt planvoll Menschen in der Warteschlange vor. Matthias Turowski wiederum tauscht anonym schadhafte Scheibenwischer an PKW aus. Außer ein paar verschwommenen Bildern auf einer Leinwand sieht man nicht viel von den Aktionen. Es geht eher um die phantasiestiftende Dokumentation der Vorgänge.
Die fünf Akteure sitzen oder stehen mit Blickkontakt zum Publikum und berichten unter penibler Orts- und Zeitangabe von ihren Aktionen. Psychologie oder Handlungsmotivation spielen keine Rolle. Doch in der Choreografie der Abläufe, dem Gleiten von Tischen und Stühlen, den Tonschleifen der Musik liegt etwas von der Reibungslosigkeit unserer Normalität. In dieses rote Meer des Normalen schlagen Hofmann & Lindholm eine Furt der Subversion. Das wird schon daran deutlich, dass der Abend mit einer (natürlich dokumentierten) ‚Leuchterscheinung’ gerahmt wird. Ob Blitzschlag oder Meteor – es handelt sich auf jeden Fall um ein Ereignis, das für einen kurzen Moment den Alltag außer Kraft setzt. Damit schlägt Roland Görschens Stunde, der Gegenstände im Pfandhaus erwirbt und sie ihren Besitzern zurückgibt. Oder Mirjam Orlowksy, die Luxusgüter in die Einkäufe von Senioren schmuggelt. Der Witz liegt darin, dass unentgeltliches Handeln im Kapitalismus plötzlich als subversiv erscheint. Andererseits kann man sich bei Hofmann & Lindholm nie sicher sein, ob die subversiven Akte wirklich geschehen sind oder ob hier nicht einfach Erfundenes authentifiziert wird. Ein unwiderstehlicher Abend, der den Zuschauer mit Humor und Vorsatz ständig verunsichert – und den man nicht verpassen sollte.“
Westdeutsche Zeitung vom 6.2.2007
„Wie eine Musealisierung des privaten Augenblicks wirkt es, wenn die Darsteller aus Hofmann & Lindholms ‚Geschichte des Publikums’ detailgetreu ihre Schreibtische auf der Bühne so aufbauen, als hätten sie kurz die Arbeit am Projekt verlassen. Sie dokumentieren, ohne dass man den Wahrheitsgehalt wirklich nachprüfen könnte, wie sie Öffentliches nachgeahmt und dann das Private in die Öffentlichkeit eingebracht haben: Sie leihen ein Buch aus der Bibliothek, kaufen zusätzlich ein anderes Exemplar und geben ein inklusive Geruch nachgeahmtes Buch wieder ab, sie tauschen die Blumen eines öffentlichen Beetes gegen Selbstgekaufte aus oder den Kunstdruck im Arbeitsamt gegen den gleichen privaten, mit dem persönliche Erinnerungen zusammenhängen. Die Darsteller sind authentisch und wurden gecastet. Ihre Lebensgeschichte bringen sie aber nicht in dem Maße wie beispielsweise bei Rimini Protokoll auf die Bühne. Es sind ‚Komplizen’, wie Sven Lindholm sie nennt, die den Ansatz des Duos Hofmann & Lindholm verwirklichen helfen, ‚Gebrauchsanweisungen zum Einschreiten im Alltag ans Publikum weiterzugeben’. Das Private ins Öffentliche einzuschmuggeln bezieht sich nicht nur auf Materielles, sondern auch auf Dienstleistungen: Man führt Kundenberatung im Supermarkt durch oder zeigt ‚vorauseilenden Gehorsam’ und mäht öffentliche Grünflächen. Die Akteure berichten einem Publikum, wie sie sich im Kleinen und heimlich die Öffentlichkeit wieder aneignen. Und sie ‚spielen Publikum’ nach Partitur, und zwar auf der Bühne; ein ‚Publikum’ als solches entdeckt das Handeln neu - kein Mitmachtheater, sondern ein Spielen mit Erwartungshaltungen - intelligent poetisch, nicht agitatorisch. Man hat einen irrsinnigen Spaß daran, die Ebenen aufeinander zu beziehen. Und geht noch eine Weile mit anderem Blick durch die Straßen.“
Deutschlandfunk, Kultur heute am 3. August 2007
„Neben Roland Görschen strömen David Prosenc, Uta Wallstab und Marcus Zilz in die Stadt. Sie ersetzen Arbeitsvorgänge, Pflanzen, Bilder. Sie privatisieren den öffentlichen Raum – zum Schluss auch das Theater. […] Kopie, Nachahmung, Duplikat sind Gegenstände einer neuen Produktion des Künstlerduos Hofmann & Lindholm. Kein Theaterabend in herkömmlichen Sinn erwartet den Zuschauer, eher ein auf unterhaltsame Weise mit ironischen, musikalischen und filmischen Elementen gespickter Bereicht eines wissenschaftlichen Projektes.“
NRZ vom 29. September 2006
„Drei Männer und eine Frau erzählen vom 1784 erfolgten Nachweis des Mesmerismus, der vor allem zeigte, wie sehr die Erwartungshaltung des Publikums Forschungsergebnisse beeinflussen kann. Damit ist der Rahmen für Uta Wallstabs Bericht von ihrer Expedition in den Stadtraum gesetzt, bei der sie an einer Verkehrsinsel die Bepflanzung komplett ersetzt hat. […] Roland Görschen hat sich ein Buch in der Unibibliothek ausgeliehen, alle Gebrauchsspuren bis zum Barcode in sein privates Exemplar kopiert und dieses nun als vermeintliches Original in den Leihverkehr eingespeist. […] Die entscheidende Erkenntnis: dass Öffentlichkeit und ihre Ordnung von ihrer Ungenauigkeit, vom Zufall und ihrer Übertretung lebt.“
WZ vom 29. September 2006
„Mit ihrer neuen Produktion verfolgen Hofmann & Lindholm keineswegs terroristische Absichten, vielleicht nicht einmal theatralische.“
Rheinische Post vom 30. September 2006
„Andreas Spiekermann, Jan Mallmann-Kallenberg, Günter Nuth, Roland Strack. Sie sind die Helden des Abends Entspannte Helden. Gerade und stolz, ohne aufzuschneiden. Durchtrainiert, geschult und hellwach. Klar, humorvoll, selbstironisch. Sie haben die Lage im Griff. Wissen, wie man das Rettungsseil schnürt, kno¬tet, es wieder verpackt, bleiben zu jeder Zeit ruhig. Selbst ihre eigenen Traumata haben sie unter Kontrolle. Und seit Mittwoch auch die Kammerspiele des FFT. Und zwar 300-prozentig: Zwei Brandsicherheitswachen sit¬zen wie immer im Zuschauerraum, vier Experten für Gefahrenabwehr und Deeskalation stehen auf der Bühne Auch bei ihrer neuen Produktion ‚Vom Feuer’ setzt das Regie-Duo Hofmann & Lindhalm auf Spezialisten des Alltags, diesmal auf Berufsfeuerwehrleute aus Düsseldorf und Köln, die ihren Auftritt fast mühelos hinlegten, Türen einschlugen, über die Bühne robbten und dabei charmant ins Publikum lächelten. Neben diesen Männern wirkt der Schauspieler Joachim Berger, eingesetzt als Rezitator und Moderator, etwas fad. Auch er hat schon 37 Katastrophen miterlebt - allerdings auf der Bühne: darunter acht Hausbrände, vier Schlossbrände, ein Stadtbrand. Als Tempelherr rettete er die Adoptivtochter des weisen Nathan, überließ als Graf Wetter vom Strahl die Rettung des Käthchens einem Cherub und legte vor den Augen des Götz den Brand im Dorfe Miltenberg. Doch dann starten vier smarte Brandspezialisten ihre Analyse: Was genau ist passiert? […] Aha: Verschlossene Fenster. Rauchentwicklung. Gefahr der Panik. Wer kann helfen und womit? Über welche Wege kann man zu ihr eindringen? Zusätzliche Gefahren? Im Laufe des Abends lehren die vier uns die richtigen Knoten, die richtigen Griffe, die stabile Seitenlage, den flachen Atem, den ruhigen Geist. ‚’Falls Ihnen auf der Flucht eine Tür begegnet, die sich zu Ihnen hin öffnet, dann können Sie davon ausgehen, dass Sie in die falsche Richtung laufen.’ Sehr komische Momente hat diese Überkreuzung von szenischer Fiktion und Brandschutzerziehung. Letztere gehört zu den Aufgaben unserer feurigen Helden, die sie uns besser nicht hatten geben können.“
NRZ vom 27. Januar 2006
„In ihrem neuesten Stück ‚Vom Feuer’ dreht es sich um Katastrophen, genau genommen, um Brände auf Theaterbühnen und was zu tun ist, wenn das Schlimmste wirklich eintritt. […] Wenn im Theater der Vorhang aufgeht, sitzen vier Männer bereits unscheinbar in einer Ecke. Hellwach und hoch konzentriert beobachten die Feuerwehrleute alles, was auf, hinter und vor der Bühne passiert. Alles kann in einer Katastrophe und Panik münden, mit diesem Gedanken sehen Feuerwehrleute jedes Theaterstück. Sie achten auf ungewöhnliche Geräusche und Gerüche. Aber nur wenn es brennt und knallt, treten sie in Erscheinung. Diese Aufgabenteilung haben die Kölner Regisseure Hannah Hofmann und Sven Lindholm auf den Kopf gestellt. Sie verstehen sich als Grenzgänger zwischen Theater und Bildender Kunst und setzen das in ihrem Stück ‚Vom Feuer’ um. Vier wirkliche Feuerwehrleute holen sie dafür ins Rampenlicht. Und dort erklären die eingespielten Retter, was zu tun ist, wenn es wirklich brennt.Um diese Anweisungen für den Notfall anschaulich zu machen, haben Hofmann & Lindholm in klassischen Theaterstücken wie ‚Das Käthchen von Heilbronn’ und ‚Nathan der Weise’ literarische Katastrophen gesammelt. Hofmann & Lindholm lassen die Wirklichkeit in den abgeschlossenen Raum der Bühne eindringen. […] Handlungsanweisungen geben, ist das Markenzeichen ihrer Inszenierungen und das geschieht in dem Stück ‚Vom Feuer’ durch und durch unterhaltsam und spannend, schließlich droht jede Minute eine Katastrophe."
WDR 5 Scala, 4 / 2006
"Jedes Wissen und Nichtwissen, dessen sich das Theater bewusst dilettantisch und exemplarisch, allegorisch und metaphorisch, ironisch und subversiv, konstruktiv und dekonstruktiv annimmt, [...] wird geordnet (und in Unordnung gebracht), um herauszufinden und vorzuführen, wie es untereinander zusammen hängt und welche Elemente durch welche anderen Elemente möglicherweise ersetzt und ausgetauscht werden können. [...] Die Ordnungsfigur, in der dies in der nächsten Gesellschaft am ehesten erfahrbar ist, ist die des Raums im übertragenen Sinne des Wortes, nämlich eines Zusammenhangs von Ort, Wissen, Praxis und Institution, in dem bei aller Vielfalt eine gewisse Übersichtlichkeit herrscht und der seine eigenen Bedingungen enthält (Grenzen, Horizonte und Verknüpfungen), unter denen er zugunsten eines anderen Raumes verlassen werden kann. Ein Raum ist eine Ordnung des Wissens und des Nichtwissens [...] in dem Sinne, dass man sich in ihm bewegen kann und verwenden und vertauschen kann, was man in ihm findet. Beispiele hierfür sind die Produktionen der New Yorker Wooster Group, etwa 'To You, the Birdie! (Phèdre)' (2002) [...] oder 'Poor Theatre' (2003/2004), eine Überblendung von Jerzy Grotowskis Theater und William Forsythes Tanztheater [...] oder auch die Arbeit 'Vom Feuer - Eine Übung zur Katastrophenbereitschaft im Theater' von Hofmann & Lindholm (2006)".
Wenn 'Vom Feuer' von der Sehnsucht handelt, im richtigen Moment das Richtige zu tun, [...] dann werden der Katastrophenschutz zum Theater der Gesellschaft und das Theater zum Katastrophenschutz der Gesellschaft; und dies sogar ganz wörtlich, wenn es stimmt, dass unsere Angst im Umgang mit natürlichen und gesellschaftlichen Katastrophen in dem Maße abnimmt, in dem wir uns mit der Möglichkeit dieser Katastrophen beschäftigen, also in den Umgang mit der Angst vor ihnen investieren. Das Theater hat sich immer schon damit beschäftigt, wie Katastrophen entstehen und abgewendet werden können. Und gesellschaftliche Interventionen haben sich immer schon bei Bedarf auch der Formen des Theaters bedient, etwa wenn auf einer Karnevalssitzung in der Köln Arena im Februar 2003, wie in 'Vom Feuer' erzählt wird, achttausend Zuschauer panikvermeidend nach einer Bombendrohung aus der Halle evakuiert werden, indem der Sitzungspräsident zur 'längsten Polonaise der Welt' auffordert. Man fühlt sich an Alexander Kluge erinnert, der die Überblendung von einst so sauber getrennten Wissensordnungen zum Prinzip der Erkundung der vielen Arten und Weisen gemacht hat, in denen wir uns in unserer Welt einrichten und unbehaust fühlen."
Dirk Baecker in dem Vortrag ‚Medientheater’ vom Oktober 2006
„Herr Mallmann-Kallenberg, ein ‚Deeskalationsexperte’, fordert uns auf, ‚die Situation aktiv mitzugestalten’. Demnach sitzen wir in einem brennenden Haus, zittern am ganzen Leib und sehen unser letztes Stündlein nahen. Herr Mallmann-Kallenberg rät, stoisch die Geburtsdaten aller Familienmitglieder abzurufen. Der ‚doku-fiktionale’ Abend heißt ‚Vom Feuer – Eine Übung zur Katastrophenbereitschaft im Theater’, entstammt dem Regie- und Autorenduo Hofmann & Lindholm und vermittelt die Erkenntnis, dass es ‚nicht schlecht ist, immer eine Axt bei sich zu haben’. Oder dass Lessings Dramenfigur von Stauffen, der in ‚Nathan der Weise’ die herzige Recha aus den Flammen errettet, seinen Einsatz durch eine Art Entengang und dass das Kleistsche ‚Käthchen von Heilbronn’ seine ‚Feuerprobe’ durch einen fachkundig verfertigen ‚Bremsknoten’ hätte optimieren können.
Auf der Bühne des HAU 3 stehen Spezialisten: Berufsfeuerwehrleute aus Köln und Düsseldorf. Der Experte ist en vogue auf dem Theater, zumindest in den Trend setzenden Spielstätten der freien Szene. Eines allerdings ist sämtlichen aktuellen dokumentarischen Ansätzen gemein: Nebulöse Erinnerungen an Maßnahmen, wie sie Peter Weiss in den sechziger Jahren in seinen ‚Notizen zum dokumentarischen Theater’ verkündete (‚Das dokumentarische Theater ist parteilich’ oder ‚tritt ein für die Alternative, dass die Wirklichkeit, so undurchschaubar sie sich auch macht, in jeder Einzelheit erklärt werden kann’) müssen nicht reaktiviert werden. Kein ernst zu nehmender heutiger Doku-Regisseur geht von einer Kategorie wie Wahrheit aus – schon gar nicht von einer, die es schlicht zu enthüllen gälte. Die Leistung, die das Genre im gelungensten Fall erbringen kann, besteht vielmehr darin, die Mechanismen offen zu legen, nach denen die vermeintlichen Wahrheiten konstruiert werden - und der grassierenden Eindimensionalisierung eine Vielfalt einander kommentierender oder auch dekonstruierender Perspektiven entgegen zu setzen.“
Berliner Tagesspiegel vom 28.10.2006
„Haben Sie sich im Theater schon mal bedroht gefühlt? Nein, nicht durch die freche Person, die auf Ihrem Platz sitzt. Auch nicht durch Aktionen, bei denen Publikum auf die Bühne geholt wird. Und erst recht nicht durch eine schier endlos scheinende Insze¬nierung. Sondern richtig bedroht: durch eine reale Bedrohung. Durch eine dräuende Katastrophe. Im Theater, dem Hort der Fiktion? Wodurch soll man da ‚in echt’ gefährdet sein? Zum Bei¬spiel ‚Vom Feuer’.
Betont nüchtern haben Hofmann & Lindholm ihr Projekt benannt, und betont nüchtern beginnt der Abend mit einem ein¬führenden Vortrag des Schauspielers Joachim Berger - dem einzigen hauptberuflichen, denn die anderen vier Akteure sind fachfremd bzw. Fachleute, die auf der Bühne Schauspieler darstellen. Während der echte Schauspieler eigentlich gar keine richtige Rolle spielt, sondern nur sich selbst. Verwirrend? Willkommen in der Welt des Gießener Instituts für angewandte Theaterwissenschaft! Dort haben die beiden Regie Führenden nämlich studiert und gründlich gelernt, Wirklichkeit zu hinterfragen und Gelerntem zu misstrauen - zum Beispiel, dass das Theater Schauspieler brauche. Eines ist klar: Es geht auch mit Feuerwehrmännern. Jan Mallmann-Kallenberg, Günter Nuth, Andreas Spieckermann und Roland Strack sind nicht nur Angestellte der Berufsfeuerwehr und Experten für Brandschutz, Gefahrenabwehr oder Deeskalation, sondern auch die perfekte Besetzung - und ziemlich coole Typen. ‚Vom Feuer’ ist derweil gar kein Theater, sondern eine Übung. Dennoch handelt es sich bei ‚Vom Feuer’ wahrscheinlich um den nützlichsten und effektivsten Theaterabend aller Zeiten. Schließlich lernen die Zuschauer nicht nur, wie sie sich im Notfall zu verhalten haben, sondern auch, wie ein Totmannwarner funktioniert, was die Rechte-Re¬gel bedeutet und wann eine toxische Atmosphäre entsteht. Wie Axt und Schweizer Messer einzu¬setzen sind, wenn's drauf ankommt. Und sie lernen Fallbei¬spiele kennen, die von den Katastrophen im Theater erzählen."
Westdeutsche Zeitung vom 27. Januar 2006
„Anfang Mai. Herr von Borries betritt sein Schlafzimmer. Er stellt zwei Wecker um eine Stunde vor. Nacheinander verrückt er die Zeiger seiner Armbanduhr, der Küchenuhr, der Uhr im Wohnzimmer. Frau von Borries bemerkt nichts. Nach einem Spaziergang setzen sie sich, lesen. Als die Ziffernblätter elf Uhr anzeigen, gehen sie - wie immer- ins Bett. Frau von Borries schläft sofort ein. Ihr Mann hört sie atmen. Die Uhren ticken. Eine eigentlich nicht existierende Stunde lang. Dann schläft auch er ein. […] ‚Alibis’ sind Titel und Thema einer neuen Arbeit von Hofmann und Lindholm. […] Vieles hätte Herr von Borries in dieser irreal gewordenen Stunde zwischen 23 und 23 Uhr tun können. Stehlen, morden, betrügen. Seine Frau hätte seine Anwesenheit im ehelichen Bett bezeugt. Er aber lässt die Zeit verstreichen. Ein Krimi ohne Mord, ein Täter ohne Verbrechen. Schon im letzten Jahr produzierte das FFT eine Arbeit von Hofmann und Lindholm. […] Noch exakter, noch entschlossener sind Hofmann und Lindholm diesmal ihren Fragen nachgegangen. Noch genauer, noch abgründiger ist der entstandene Text. Bodo von Borries, Maike Hesse, Stefan Lobner und Holger Storcks beschaffen sich Alibis, Zeugen, neue Identitäten. Schritt für Schritt werden sie sich selbst fremd. Von Zeit zu Zeit entstehen poetische Momente der inneren Grenzüberschreitung, in ihrer Geschäftigkeit erlangen sie plötzlich eine ergreifende Verlorenheit, verlieren sich in einer stillen Trostlosigkeit. Solch ein Text kann vielleicht nur auf diese Weise entstehen. Mit fast wissenschaftlicher Genauig- und Unnachgiebigkeit und gleichzeitiger privater Verletzlichkeit.“
NRZ vom 22. Mai 2004
„Kulturwissenschaftliche Untersuchungen mit Unterhaltungswert, Biographien-Bastelei mit Bühnenwirksamkeit – dies wird dem jungen Kölner Konzeptkünstler-Team Hofmann & Lindholm immer wieder attestiert, wenn es seine Mitspieler erst auf die Strasse schickt, dann auf die Bühne. […] Theater, nein, Theater sei es eigentlich nicht, sagt Hannah Hofmann und lacht, wenn sie über das spricht, was an den Abenden von Hofmann & Lindholm über die Bühne geht. Doch der Weg fort vom Theater hat hin zum Theater geführt […]. Und sie fanden die Form, die Hofmann und Lindholm mittlerweile ihr Markenzeichen nennen: die ‚subversive Gebrauchsanweisung’, system-unterlaufend und unterhaltsam zugleich. Um solche Gebrauchsanweisungen für jedermann und jeden Tag zu stricken, schicken die zwei selbsternannten Gesellschaftsforscher jeweils Laien als Experimentatoren auf die Piste – Subversion als Feldversuch. […] Aus solchen Erfahrungen entsteht der Text, den die junge Autorin, Regisseurin und Filmschaffende aus Hameln und der gebürtige Hamburger zusammenstellen. Gesprochen wird er von den ‚Spezialisten’ selbst, von jenen Leuten, die sich aufgemacht haben ins Labor, das Alltag heisst. Lebenswirklichkeit und Bühnenwirklichkeit fliessen buchstäblich spielerisch ineins: Versuchstheater, Authentizitätsvariété. […] Diese Art protokollarisch-dokumentarisches Theater, die den Versuchsbericht der Spezialisten ohne szenische Aufbereitung, ohne Zierrat auf die Bretter hebt, irritiert – und polarisiert.
Diesmal, in ‚Alibis’, lautet das Thema der Untersuchung ‚Selbstwahrnehmung’ – durch den fremden Blick und durch den eigenen, im öffentlichen Raum und im privaten. Eine Heilpädagogin, ein Bankangestellter, ein Unternehmensberater und ein Oberstleutnant a. D. haben mitgespielt. Sie erzählen uns, was passiert, wenn man 24 Stunden unter Beobachtung steht: Wie (ver-)formt sich das Ich, wenn immer einer zuschaut? Und wenn keiner zuschaut? Der Oberstleutnant etwa hat alle Uhren um eine Stunde vorgestellt. Der Tag rast vorbei, und plötzlich steht er mit sechzig Minuten geschenkter Zeit da, irgendwo in der Leere, und jeder Atemzug dröhnt wie ein Paukenschlag in den Ohren. Und was bleibt übrig von jemandem, der einen Tag lang Touristen durchs Foto gelaufen ist und immer mitabgebildet wurde? Alibis bedeutet übersetzt anderswo – und meint jene Melancholie, die uns erfüllt, wenn wir spüren, dass uns unser eigenes Leben immer wieder wegrutscht, entgleitet, beim Arbeiten, in der Freizeit, beim Leben. Wir sehen uns selbst nicht, deshalb sehnen wir uns so sehr danach, dass andere uns sehen.“
Neue Zürcher Zeitung vom 21. Januar 2005
„Auch wenn das schöne Schlussbild den Gedanken geradezu hervorrief: die vorangegangene Theaterstunde war kein existentialistisches Schattenspiel, ebenso wenig ein illustriertes Höhlengleichnis. Es war vielmehr ein kurzweiliger Existenz-Behauptungs-Kurs für jedermann. Ziel des Kurses war ein Diplom für alle, die sich von keiner Alibi-Frage in Bedrängnis bringen lassen wollen. Wo waren Sie gestern um halb zwölf? Wer kann das bezeugen? In einem raffinierten Stufenplan rücken vier Menschen ihre Tagesläufe aus der Anonymität ans Licht, machen Trivialität zum Erlebnis, inszenieren und verfälschen ihre Wirklichkeit. Ein junger Mann nutzt die Abwesenheit seiner Eltern, um deren Wohnung in einem Inserat zur Vermietung freizugeben. Besichtigungstermin am Freitagabend. Für denselben Abend bittet er bei seinen Nachbarn um Verständnis, falls es bei seiner großen Party zu Lärmbelästigungen käme. Er kauft Berge von Finger-Food und Instanz-Geschirr, lässt das Ganze überall in der Wohnung ziemlich benutzt aussehen und macht sich aus dem Staub. Alles klar? Wie sollten die Nachbarn später nicht das ständige Getrampel im Treppenhaus bestätigen oder die Putzfrau nicht ihren enorme Mehrarbeit? Ein anderer Mann konditioniert, ja ‚pawlowisiert’ seine Mitbewohnerin, indem er mit einem genau abgestimmten Verstellen aller verfügbaren Uhren deren Zeitgefühl in einen neuen Takt bringt. ‚Alibis’ ist als Koproduktion des Düsseldorfer FFT mit dem Zürcher Theaterhaus Gessnerallee bereits das zweite Schauspiel einer neuen Art von Theater, das seine kulturwissenschaftlichen oder biografischen Erkenntnisse in eine unterhaltsame Form gießt. Laiendarsteller legen Fährten in eigener Sache. Fügte man noch eine Prise Untat hinzu, könnte ‚Alibis’ ein perfektes Lehrstück für die Kriminal-Ermittlung werden. Reizvoll ist jedenfalls die Vorstellung, dass Hannah Hofmann und Sven Lindholm uns bald mit der ultimativ als Realität behaupteten Fiktion unterhalten werden. Wir sind durch ‚Troja’ vorbereitet: wie viele Schiffe der griechischen Flotte wurden dort nicht mit der PC-Maus zusammengeklickt?“
Rheinische Post vom 22. Mai 2004
"’Wie die Dinge wirklich werden.’ Dieses Zitat umreißt deutlich ein Thema des Stückes ‚Alibis’. Das Künstlerduo Hannah Hofmann und Sven Lindholm zeigt, wie vier Menschen ihr Leben manipulieren. […] Anfangs werden Diskotheken-Einlasstempel noch öffentlich zur Schau getragen, als Beweis, dass es nichts zu verbergen gibt. […] Später werden Urlaubsreisen vorgetäuscht. Tatsächlich bleibt eine Frau daheim, wäscht sich mit Kanisterwasser, damit kein Kranrauschen gehört wird. Sie vermeidet Gänge, die sie an Fenstern vorbeiführen würden und kehrt später für jeden sichtbar aus dem nie angetreten Urlaub heim.[…] Zum Schluss bauen die Schauspieler ihre Bühne ab, vernichten Indizien, Notizen, Pläne, Beweise, geben sich neue, mit den alten Indizien deckende Identitäten, verharren dann als Scherenschnitte im Dunkeln, und der Zuschauer weiß nicht mehr, mit wem er es zu tun hatte, die vergangenen 90 Minuten. Es waren Bodo von Borries, Maike Hesse, Stefan Lobner und Holger Storcks. […] Was Hofmann und Lindholm ostentativ nicht bestätigen wollen: ‚Alibis’ ist angelehnt an die soziologische Systemkritik, die bekanntlich definiert, dass ein System nicht durch Personen, sondern durch Handlung aufrechterhalten wird. Es geht darum, wie Handlungen Menschen bestimmen, Lügen zu Wirklichkeit werden. Und es geht auch darum, weshalb US-Propagandashows vor der UN-Vollversammlung funktionieren können. Alle weiteren sich aufdrängenden Bilder beweisen: ‚Alibis’ ist ein grandioses Stück.
Westdeutsche Zeitung vom 22. Mai 2004
„In 'Aspiranten' [...] lassen die Kölner Künstler Hannah Hofmann & Sven Lindholm eine Handvoll Jugendlicher von ihren Versuchen erzählen, unauffällig ein paar Elemente der Einkaufspassagen- und Fußgängerzonenwelt zu verändern. Alice Ferl vertauscht daheim die Etiketten von Lebensmitteldosen und bringt sie zurück in den Supermarkt, oder sie nutzt das Umtauschrecht so gründlich, dass sie alle Kleider höchstens zweimal trägt Jenja Korolov versieht Klamotten aus der Altkleidersammlung mit aufbewahrten Preisschildern und trägt sie wieder zu H&M, Robert Redmer erfindet neue Spielregeln und legt sie den Gesellschaftsspielen der öffentlichen Bibliothek bei, und Sebastian M. Schulz eröffnet diverse Konten bei verschiedenen Banken, um mit übersichtlichen Beträgen verwirrende Transaktionen zu vollziehen. Konsumverweigerung war gestern, Kaufhäuser anzünden vorgestern. Für den großen Aufstand und das laute Dagegensein verstehen sich diese I6- bis 19-jährigen 'Aspiranten' wahrscheinlich zu gut mit ihren Eltern. Gleichzeitig suchen sie aber nach eigenen Strategien, um ihr Nicht-restlos-einverstanden-Sein mit einer Gesellschaft auszudrücken, deren Mechanismen und Manipulierbarkeit sie gerade ergründen. Hofmann & Lindholm rüsten die kleinsten individuellen Widerstände mit wenigen scharfen Strichen und einem Augenzwinkern zu düsteren Guerilla-Taktiken auf: So klingen diese Geschichten vom Schummeln, Fälschen, Täuschen wie Laborberichte durchgeknallter Neurophysiologen oder Protokolle brisanter Agenteneinsätze. Genaue Uhrzeitangaben suggerieren Spannung und geben vor, die Experimente und Selbstbeobachtungen zu strukturieren; auf der Bühnenrückwand lauten elegische Schwarz-Weiß-Videos, die den Ablauf der Versuche dokumentieren und, zum Teil aus Überwachungskamerawinkeln gedreht, die Düsseldorfer Innenstadt zum gefährlichen Ort verklären. Die 'Aspiranten' sitzen indessen an soldatisch hintereinander aufgereihten Pulten, mehr klassenbeste Gymnasiasten als Raucherecken-Rebellen, und bewegen sich nach einfachen, strengen Choreographien. Nur einmal scheren sie völlig aus ihrem genau geprobten Rhythmus aus und improvisieren gemeinsam einen Pseudo-Erfahrungsbericht 'über unsere Nachbarschaftsgruppe', die als linksutopisches Gemeinschaftsprojekt beginnt und ziemlich finster als paranoide Bürgerwehr endet. Und man merkt: Denen wird so schnell keiner was vormachen.“
Theaterheute-Jahrbuch 2003
„Eine kleine Meldung aus der Zeitung: Ein Neunzehnjähriger fotografiert nachts auf einer Brücke, übersieht die Straßen¬bahn, wird überrollt und stirbt. ‚Uns entgeht eben das Wesentliche’, sagt das Mädchen auf der Bühne, ‚die Wirklichkeit löst sich im Akt des Sehens auf, noch ehe wir sie erfassen.’ So beginnt ‚Aspiranten’, eine von den Kölner Künstlern Hannah Hofmann und Sven Lindholm inszenierte Aufführung, in der sich vier junge Düsseldorfer als Systemforscher präsentieren. Wie gedrillte Musterschüler räumen sie ihre Tische auf und kleben Gedächtnisstützzettel an die Wände. Nachher allerdings packen sie einen Fotoapparat aus und zerschlagen ihn mit dem Hammer. Was sie tun, ist mehr, als was es scheint, nämlich Imitation und Täuschung von Verhaltens- und Funktionsweisen der Erwachsenenwelt, die mit Witz und Tatkraft zerdeppert werden: Einer eröffnet serienweise Konten und entfesselt einen absurden Überweisungsverkehr, eine andere erfüllt sich die Wünsche nach aktueller Garderobe durch gewiefte Umtauschmanöver. Alle geben sich kontrolliert und zielgerichtet, teamfähig und leistungsorientiert. Sie bereiten sich nicht für die Schule vor, sondern fürs Leben. Und protestieren nicht gegen die Verhältnisse, sondern legen sie, surreali¬stisch übersteigert, lahm. Wie der Junge, der sich bei Freunden und in der Stadtbibliothek Gesellschaftsspiele ausleiht, um ihnen heimlich aufwendig gefälschte neue Bedienungsanleitungen unterzujubeln. Aus dem harmlosen ‚Mensch ärgere dich nicht’ wird bei ihm ‚Ein Kampf der Kulturen’, der mit simplem Würfeln wohl kaum zu gewinnen ist. Rollenspiele. Wechselspiele, Gastspiele: Stell dir vor, es ist Weltspartag, und alle gehen ins Hebbel-Theater - und später etwa zu den durchgedreht-schlauen ‚Aspiranten’. So ähnlich mag sich Matthias Lilienthal den Auftakt seines frisch fusionierten Theater-Trusts erträumt haben. Unter dem Kürzel ‚Hau’ wie ‚Hebbel am Ufer’ (des Landwehrkanals) firmieren in Berlin ab nun das Hebbel-Theater (‚Hau l’), das Theater am Halleschen Ufer, das Peter Stein mit seiner Truppe von 1970 an berühmt gemacht hatte (‚Hau 2’), und das Theater am Ufer, eine ehemalige Fabriketage und bis vor kurzem von dem polnischen Regisseur Andrej Woron als ‚Teatr Kreatur’ geleitet (‚Hau 3’). […] ‚Ich beschäftige mich mit dem System, indem ich es beschäftige’, sagt einer der jungen Männer in ‚Aspiranten’. Seine Kollegin in diesem Verwirrspiel übt den Etikettenschwindel. Sie tauscht daheim die Banderole bei regulär gekauften Dosen aus und stellt sie unbemerkt in die Regale zurück. Wo Ananas draufstand. ist nun Sauerkraut drin, und was als Pfirsiche angeboten wird, enthält Ravioli. Die Fiktion erobert die Zukunft, der Appetit kommt beim Essen. So betrachtet, ist das Theaterkombinat, auf dem in fetten Lettern ‚Hau’ steht, gut unterwegs.“
FAZ Vom 6. November 2003
„Das Innere einer Straßenbahn. Gesichter von Menschen blicken uns an. Entrüstet, fragend, abwertend, verachtend, befremdet. Videoaufnahmen. Eleana Vaja tritt vor ihre Arbeit an den Bühnenrand: "Ich filme Menschen in Straßenbahnen mit dem Ziel, gesehen zu werden." Sie ist eine von fünf Jugendlichen, die zur Zeit im FFT die Ergebnisse ihrer "Versuche zur Erforschung unserer Gesellschaft als ein funktionierendes System" vorstellen. Die fünf 'Aspiranten' haben im Auftrag des Kölner 'Büros für Angewandte Kulturvermittlung' die Aufgabe übernommen, unsere gesellschaftliche Realität zu erforschen. Nach Beobachtungen des Alltäglichen haben Eleana Vaja, Alice Ferl, Jenja Korolov, Sebastian M. Schulz und Robert Redmer Schlüsse gezogen und nach ihnen gehandelt. Nun legen sie auf der Bühne Rechenschaft ab: Die konsequenten Handlungen und Überlegungen haben zu erst absurd wirkenden Ergebnissen geführt. Bei näherem Hinsehen gleichen die Szenarien auf erschreckender Weise unserer erwachsenen Öffentlichkeit, gesellschaftlichen Entwicklungen, politischen Entscheidungen.“
NRZ vom 2. Juni 2003
„Wer bin ich? Was zeichnet mich als Individuum aus? Wo ist mein Platz in der Gesellschaft? Wie funktioniert eine solche Gemeinschaft und welchen Spielraum hat der Einzelne in ihr? Das sind einige Fragen des Lebens, die man sich gehäuft und konzentriert als Teenager stellt. Multimedial gehen Hannah Hofmann und Sven Lindholm mit ihrer Inszenierung 'Aspiranten' in den FFT-Kammerspielen diesen Erkundungen und Phänomenen nach. Das Stück handelt von fünf jungen Leuten, die die Gesellschaft als ein funktionierendes System begreifen, in dem sie selbst gerne Anwärter auf tragende Rollen wären. Jedes System hat Regeln und Regelmäßigkeiten, dementsprechend assimilieren die Fünf sich, ahmen nach - und täuschen. Ein kurioser Abend nimmt seinen Lauf. So nutzt Jenja Korolov die Schadowstraße nach dem Motto 'shop until you drop'. Die neuen Klamotten und Accessoires präsentiert sie beim abendlichen Schaulauf im Theater. Am nächsten Tag beginnt sie, die wieder fabrikneu gebügelten Sachen zurückzubringen, tauscht Jeans gegen Cordhose, Turnschuhe gegen Stöckelschuhe, Gürtel gegen Taschen. Weigert sich ein Verkäufer, sucht sie eine andere Filiale auf. Doch meist werden die Teile ausgewechselt oder das Geld erstattet. Kurzum: Das Mädchen erkennt Grauzonen innerhalb eines funktionierenden Gefüges, das sie für ihre Interessen gnadenlos ausnutzt. Jeden Abend ein neues Partyoutfit ohne sich prekär verausgaben zu müssen - wie ein Bogenschütze trifft sie für ihre eigenen Interessen mitten ins Schwarze! [...] Auf der Bühne funktioniert Sebastian M. Schulz inzwischen als nützliches Mitglied des Bündnisses. Er beschäftigt sich mit dem System, indem er es beschäftigt. Ihn interessieren die Grenzen der Funktionstüchtigkeit einer stabilen Ordnung, deren Basis Vertrauen ist, also Geldinstituten. Durch Bareinzahlungen, Überweisungen, Abhebungen und Transfers verschiedener Konten bei anderen Banken, die allesamt ihm gehören, konterkariert er ihren Sinn. [...] Die Betrachtungen beim kurzweiligen Abend sind gelungen. Antworten muss jeder selber finden.“
WZ vom 2. Juni 2003
„Es ging nicht einfach nur um das Ausprobieren neuer Formen, auch nicht um das Durchbrechen von Normen und Verhaltensregeln, nicht um das Experimentieren um des Experimentierens willen. Es ging um gedanklichen, ja existentiellen Wiederaufbau. Etwas hat keinen Halt mehr im Denken vieler junger und neuer Theatermacher. Der Wirklichkeit, zeigte das Kölner "Büro für Angewandte Kulturvermittlung" des Regie-Teams Hofmann und Lindholm in der Produktion 'Aspiranten', ist nicht mehr zu trauen. Also bewertet das Ensemble [...] die Wirklichkeit neu [...] und berichtet von noch ganz anderen Sabotagen. Da kommt neue Systemkritik zum Vorschein - das im realen Kommerz bekannte Umtauschverhalten wird ausgereizt bis zum Geht-nicht-Mehr; die Schädigung des Handels oder die Beschäftigung der Banken ist mitgedacht.“
Westfälische Rundschau vom 10. Juni 2003