HH test1 © Hannah Hofmann
HH test1 © Hannah Hofmann

Alles spricht

Radiostück

Frau B., eine angesehene Kommunalpolitikerin in einer niedersächsischen Kreisstadt, erhielt regelmäßig Botschaften durch ihr linkes Knie. Es schmerzte nicht, es sprach. Frau B. war davon überzeugt, dass sich ihre verstorbene Großmutter mit Hilfe eines Gelenkknorpels Gehör verschaffte, um ihr Ratschläge zu erteilen. Frau B. richtete sich gerne nach diesen Empfehlungen - schließlich war die Beziehung der beiden zu Lebzeiten der Verstorbenen stets von Wohlwollen geprägt.

In 'alles spricht' erforschen Hofmann&Lindholm Einflüsterungen, die den Alltag von Empfängerinnen und Empfängern heimsuchen – durch Geister, Dinge und Bakterien, mediale Kanäle oder atmosphärisches Rauschen - und gehen der Frage nach, wie abseitige Kommunikationsformen und eigenwillige Stimmen – gewollt oder ungewollt - ihr Leben beeinflussen. Dabei begegnet das Regieteam Menschen, die im non-verbalen Austausch stehen, feinstoffliche Signale wahrnehmen und deuten können, die den Botschaften von toten Verwandten, Gebrauchsgütern oder den eigenen Organen lauschen und bereit sind, das Empfangene für die Hörer*innen zu übersetzen.

Mit: Empfängerinnen und Empfängern, denen Anonymität zugesichert wird
Realisation: Hannah Hofmann und Sven Lindholm
Ton und Technik: Peter Harrsch
Redaktion: Tina Klopp

'alles spricht' ist eine Produktion von Deutschlandfunk mit dem WDR und dem Bayrischen Rundfunk 2021.

Hofmann&Lindholm werden im Rahmen der Spitzenförderung Theater vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW gefördert.

Termine
9. – 11. Juli 2021
Schaubüdchen

28. Juni 2021
Bayrischer Rundfunk
27. Juni 2021
Bayrischer Rundfunk
31. Mai 2021
1LIVE
30. Mai 2021
WDR 3
21. Mai 2021
Ursendung

Deutschlandfunk
Rezensionen
Medienkorrespondenz, 4. Juni 2021
Botschaften aus dem medialen Jenseits. Hofmann&Lindholm: Alles spricht. Geschichten nach ihrem Ende denken.
"Kaum etwas fasziniert die Medientheorie so sehr wie die Seelenverwandtschaft von Psychotechnik und Radiophonie, die in der Doppelbedeutung des Begriffs "Medium" ihren knappsten Ausdruck findet. [...] Nach mehr als einem Jahrhundert technischem Medienabsolutismus [...] kann es freilich erstaunen, dass immer noch Stimmenhörer in ihrer ursprünglichen Reinform existieren, mit Geistern kommunizierende Medien also [...] die dem Anspruch nach weiterhin auf diplomatischer Mission zwischen Dies- und Jenseits sind. [...] Die Frage, was wir da eigentlich vor uns haben macht einen Teil des Reizes dieses Ätherzaubers aus. Die von den Machern gewählte Genrebezeichnung "Hörstück"[ wirkt bescheiden und lässt clever alles offen. Auf ein Feature deutet die Mischung aus dokumentarischem Material und reportagehaften Gesprächssituationen hin, aber das ohne jede Einordnung (von außen) und ohne alle Konklusionen. Dafür weist diese 'Séance' eine höchst selbstbezügliche innere Dramaturgie auf, weil die von ihren Jenseitskontakten Berichtenden ihrerseits in ein geisterhaftes Gespräch miteinander gebracht werden, und zwar über ein weiteres, ihnen nicht wirklich gegenwärtiges Medium. Gemeint sind Hofmann&Lindholm selbst, die die Aussagen durch den Schnitt in einen sich mal bestärkenden, mal ironisch brechenden Dialog gebracht und mit mal schwerem, mal schwebendem Raumklang umhüllt haben. Nur in diesem Arrangement sind die Regisseure greifbar. Es ließe sich so vielleicht von einer Art Kammerkonzert sprechen, einer Komposition für fünf Geisterstimmen, wobei im Obertonbereich ein ganzer Hades-Chor aus Mythologie, Kunst und Religion mitschwingt. Der Clou besteht nun darin, dass die Produktion auf diese offene Weise dem imaginären Mehrwert ihres feinstofflichen Sujets viel besser gerecht wird als durch jedes derzeit so beliebte Faktenzählen [...] So unbefangen und vielsinnig wie in diesem Hörstück wird selten ins Jenseits hinübergelauscht."
Oliver Jungen