© Hannah Hofmann
Archiv der zukünftigen Ereignisse © Hannah Hofmann
© Hannah Hofmann

Archiv der zukünftigen Ereignisse

Pre-Enactment / begehbares Hörstück

Am 15. September 2011 haben Hofmann&Lindholm das 'Archiv der zukünftigen Ereignisse' eröffnet und damit die Grenzen der Stadt Köln um ihre potentielle Zukunft erweitert. Es handelt sich um einen Audio-Parcours aus 37 Hörstücken im öffentlichen Raum - mit einer Gesamtlaufzeit von über 5 Stunden -, der als Teil der Projektreihe 'Radioortung' mit Deutschlandradio Kultur und Schauspiel Köln realisiert wurde und seither 24 Stunden am Tag begehbar ist.

Hörer_innen bewegen sich mit ihrem Smartphone durch die Stadt. Sobald sie bestimmte Zonen passieren, werden ihnen automatisch Audio-Tracks zugespielt, die einen direkten Bezug zum aktuellen Standort haben und Situationen vorwegnehmen, die tatsächlich zu erwarten oder weitestgehend voraussehbar sind. Erreichen die Hörer_innen beispielsweise die Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld, werden sie Ohrenzeugen der noch ausstehenden Eröffnungszeremonie: Sie begleiten Architekt, Oberbürgermeister sowie weitere Verantwortliche während des zukünftigen Festakts und sind mit Gegendemonstrationen konfrontiert.

Die akustischen Vorwegnahmen des Archivs wurden mit den realen Protagonisten der jeweiligen Ereignisse inszeniert. Gezielte Recherchen und Interviews mit 80 Menschen ermöglichten es Hofmann&Lindholm, exemplarische Projektionen - 'Pre-Enactments' - zu entwickeln, die sich auf persönliche Erlebnisse, auf kulturelle Veranstaltungen, städtebauliche Maßnahmen, auf technische, politische oder betriebswirtschaftliche Veränderungen beziehen. Ausgangspunkt ist dabei immer die Perspektive des Einzelnen: So nimmt ein Spitzenpolitiker seine Wahlkampfrede vorweg und eine Hundertjährige die Feier ihres 101. Geburtstages; ein Soldat, der bei der Audio-Aufnahme kurz vor seinem ersten Einsatz in Afghanistan stand, berichtet von seiner Rückkehr aus dem Krisengebiet; eine Schwangere von der Geburt ihres Kindes. Ein Mann, dessen Demenz gerade erst diagnostiziert wurde, erzählt vom Vergessen, ein anderer hält die Grabrede, die er beim Tod seines Lebensgefährten sprechen wird. Man erinnert sich mit Bernd Streitberger, dem ehemaligen Baudezernenten der Stadt, an Dinge, die noch kommen werden, begleitet die Protokollchefin Ingeborg Arians am Tag der künftigen Heinrich-Böll-Preisverleihung und feiert mit dem Blasorchester der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) die Einweihung einer U-Bahnhaltestelle, nimmt Anteil am Schicksal des 1. FC oder bewegt sich durch eine Ausstellung im Museum Ludwig, die erst Monate später zu sehen sein wird.

Audio-Beispiel: Einweihung U-Bahnhaltestelle, KVB

Audio-Beispiel: Im stillen Raum, Einsturzstelle Stadtarchiv

Audio-Beispiel: Störfall

Audio-Beispiel: 1. FC, 1. Halbzeit Champions-League

Audio-Beispiel: Sprengung

Alle noch aktiven und von der gegenwart überholten Ereignisse des Archivs sind auch im Internet auf den Seiten von Radioortung freigeschaltet. Wer ein Handy besitzt, dessen Betriebssystem auf Android basiert, kann sich dort kostenlos die App zum Pre-Enactment downloaden und jederzeit das Archiv im Kölner Stadtraum auf eigene Faust erkunden.

Map zum Download

Interview

Von und mit: Ingeborg Arians (Protokollchefin der Stadt Köln), Ayse Aydin (Referentin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit DITIB), Henning Beckmann (Erdmöbel), Benny Behrla (Judoka), Karin Beier (Regisseurin und Intendantin des Schauspiel Köln), Markus Berges (Erdmöbel), Paul Böhm (Architekt), Martin Börschel (Vorstandvorsitzender der Kölner SPD), Ruben Bohnet, Manni Breuckmann (Sportreporter), Anna Brohm (wissenschaftliche Volontärin am Museum Ludwig), dem Blasorchester der Kölner Verkehrsbetriebe unter der Leitung von Manfred Mungen, Mia Claussen, Dewueb (Erdmöbel), Sabine Eberwein, Ekimas (Erdmöbel), Christiane Enkeler (freie Mitarbeiterin / WDR), Jürgen Fenske (Vorstandssprecher der Kölner Verkehrsbetriebe ), Winrich Granitzka (Fraktionsvorsitzender der Kölner CDU), Dr. Peter Guckel, Siegbert Hahn, Guido Halbig (Leiter des Deutschen Wetterdienstes der Niederlassung Essen), Ruth Henckels, Dr. Eberhard Illner (Leiter des Historischen Zentrums, Wuppertal), Prof. Kaspar König (Leiter des Museum Ludwig), Saban Kondi (Theologe / Religionsbeauftragter der DITIB), Louwrens Langevoort (Intendant der Kölner Philharmonie), Paul Petritsch (Architekt), Proppe (Erdmöbel), Jürgen Roters (Oberbürgermeister der Stadt Köln), Ansgar Salwolke, Familie Selimovic, Nicole Six (Architektin), Stabsfeldwebel Stefan Sprengers (Sanitätssoldat in der einsatzvorbereitenden Ausbildung), Bernd Streitberger (Baudezernent der Stadt Köln), Thomas D. Trummer (Kurator am Museum Ludwig), Bodo von Borries, Nelly Vongries, Josef Wirges (Bezirksbürgermeister Ehrenfeld),Frau X., Herrn X. und Klaus Zauner (Schlagwerker der Wiener Philharmoniker).

Konzept, Text, Regie: Hannah Hofmann, Sven Lindholm
Ton, Schnitt: Peter Harrsch, Hannah Hofmann, Sven Lindholm
Produktionsassistenz: Robert Christott
Sprecher: Roland Görschen, Lara Pietjou, Hannah Hofmann, Sven Lindholm
Koordination: Kerstin Kohle
Entwicklung Applikation und interaktive Karte für die Projektreihe RADIOORTUNG: Udo Noll

Das 'Archiv der zukünftigen Ereignisse' ist eine Koproduktion von Hofmann&Lindholm und Deutschlandradio Kultur im Rahmen der Projektreihe Radioortung sowie dem Schauspiel Köln, nominiert für den Grimme Online Award in der Kategorie Spezial. Mit freundlicher Unterstützung durch Sony Ericsson und Museum Ludwig.

Mit Dank an: Dirk Anton (Deutscher Olympischer Sportbund), Dr. Günter Assenmacher (Offizial des Erzbistums Köln), Ralf Böbs, Brigitta von Bülow (Kulturpolitische Sprecherin Bündnis 90 / Die Grünen), Felix Coeln, Frank Deja (Initiative „Köln kann auch anders“),Frank Druhm, Frau Duerre (JVA Köln), Sven Dokter (Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit), Andreas Eckart, Domprobst Norbert Feldhoff, Jörg Fürst, Susanne Franke (Freundeskreis Melaten), Andreas Gerke, Frau Gruber (JVA Köln), Susanne Hartmann (IHK), Michael Harprecht, (Kölner Initiative Grundeinkommen e.V.), Michael Heller (Albert Speer & Partner), Kurt Holl (ROM e.V. Köln), irgend_jemand, Martin Kopiniok, Sebastian Kreyer, Claudius Kroker (Verein der Redenschreiber deutscher Sprache VrdS), Götz Leineweber, Susanne Lüchtrath, Friedhelm Mennekes S.J., Gudrun Meyer (Kölner Verkehrsbetriebe), Katrin Moll, Prof. Dr. Katharina Niemeyer (Universität Köln), Daniela Over, Franz Wolf Ramien (Kölner Verkehrsbetriebe), Gunhild Scheer, Michael Schleicher (Amt für Wohnungswesen Köln), Dr. Jörg Schmidt, Valeska Schneider (Museum Ludwig) Martina Schönhals (Diakonie Köln), Herrn Spicher (JVA), den SCHOTT Verlag, Andreas Spiekermann, einen Staatsanwalt, Sabine Surburg (Stadtplanungsamt Köln), Wolfram Strauch, Gregor Timmer (Stadt Köln), Dr. Marcus Trier (Römisch-Germanisches Museums), Marlene Tyrakovski ("Amaro-Kher“), Dr. Michael Vogt (KölnMusik), Ingrid Welke (Rom e.V.), Henrik Wittenberg, Annette Wolde (Kölner Philharmonie), Jörg Widmann, Sylvia Zerbes (Landgericht Köln), z_punkt GmbH u.v.m.

Termine
seit 2011
Radioortung

Stadt Köln
Rezensionen
Ruhr Nachrichten, 21. September 2011
Köln wird zum Museum der Möglichkeiten
Wege verändern die Wirklichkeit. Köln wird zu einem riesigen Museum der Möglichkeiten. Einige Einspieler machen Hoffnung, andere gebären einen sehr realen Schrecken. So wird auf der Treppe am Dom ein Szenario ausgebreitet, in dem ein unwissender Passant mit der GPS-Ortung seines Handys missbraucht wird, eine Bombe zu zünden. Jeder Schritt auf dem Weg verändert den Blick auf die Stadt und ihre Wirklichkeit. Man sieht, wie reich, aber auch wie fragil das Leben ist.
Sascha Westphal
Kulturzeit, 3Sat, 19. September 2011
Da da & da: Archiv der zukünftigen Ereignsise
Berührend-authentisch und sehr individuell: Das ‚Archiv der zukünftigen Ereignisse’ ist ein Stadtrundgang, bei dem man über die Vergänglichkeit der Ereignisse und deren Relevanz nachzudenken beginnt.
Kerstin Edinger
Kölner Stadt-Anzeiger, 17. September 2011
Archiv der zukünftigen Ereignisse
Vom Offenbachplatz Richtung Dom und Hauptbahnhof drängen sich die Ereignisse und bilden eine perfekte Mischung aus Persönlichem und Öffentlichem, Profanem und Berührendem, Heiterem und Erschreckendem. Hat man gerade noch am Museum Ludwig Kaspar König in eine zukünftige Ausstellung begleitet, erfährt man beim Gleiszugang auf der Rückseite des Doms von der Abschiebung einer Kosovarin und ihrer Familie. Auf den Treppen zum Bahnhofsvorplatz hinunter stellen sich die Nackenhaare auf, wenn sich ein terroristisches Szenario entfaltet; ein paar Schritte weiter bricht eine 19-Jährige ins Leben auf. Man lauscht in die Zukunft, während man die Gegenwart sieht – ein im Wortsinne eindringliches Erlebnis; Ohren haben eben keinen Schließmechanismus. Pausen von den einstürmenden Eindrücken ergeben sich, wenn man zum nächsten Punkt geht oder mit der Bahn fährt. Etwa bis zur Haltestelle Eifelwall, wo Baudezernent Streitberger 2015 die festliche Eröffnung des neuen Historischen Archivs kommentiert. Am Justizzentrum schaltet sich der Prozess „nicht vor Juli 2012“ ein, in dem die Schuldfrage des Archiveinsturzes geklärt werden soll, bevor wenige Schritte weiter der Zeuge und ehemalige Abteilungsleiter des Stadtarchivs, Eberhard Illner, einem fiktiven Journalisten gegenüber Tacheles redet. Szenen wie diese wühlen auf und wollen erst einmal verarbeitet werden. Wofür leider wenig Zeit bleibt, wenn schon der nächste Punkt in die Gehörgänge drängt und das Handy-Akku sich unaufhaltsam leert. Überhaupt sind die 37 Punkte in der „empfohlenen Gehdauer“ von zwei bis vier Stunden freilich nicht ansatzweise zu bewältigen. Was wie ein Manko scheint, erweist sich jedoch als sinnvolle Rücksichtnahme auf die eigene Aufnahmekapazität. Schließlich kann man jederzeit zurückkehren in dieses faszinierende Archiv, diese technisch und logistisch ausgefeilte und inhaltlich hoch komplexe Utopie von Hofmann & Lindholm.
Jessica Düster
Choices, 10/2011
Zurück in die Zukunft
Auch wenn keiner weiß, wie sich die Zukunft tatsächlich gestaltet, ergeben sich doch durch den inszenierten Abriss kommender Tage spannende, berührende, beklemmende und erheiternde Kollisionen aus Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit. VIPs aus Politik, Kunst und Kultur sprechen sich dabei selbst. Aber auch ‚normale’ Kölnerinnen und Kölner kommen zu Wort. Man stelle sich also vor: den FC im Finale der Champions League 2015, Stör- sowie andere Zwischenfälle und einen 101. Geburtstag. Eine Ausstellung, die erst Monate später stattfindet, und eine Intendantin, die ihre Abschiedsrede vorwegnimmt. Oder die Ansprachen zur Eröffnung der Moschee in Ehrenfeld 2012. Umgeben von Passanten, die über die Venloer Straße eilen, spielt sich im Kopf eine ungeheuer plastische Ortsbegehung ab, gefolgt von einem minutiösen Protokoll der Einweihung. Großartiges Hörtheater.
Sandra Nuy
Der Freitag, 24. September 2010
Da kommt was auf uns zu
Das Archiv ist der letzte Teil des Projekts Radioortung, das Deutschlandradio Kultur mit drei Performance-Gruppen realisiert hat. Nach Ligna und Rimini Protokoll in Berlin sind zum Abschluss der Reihe nun die beiden Wahrscheinlichkeitstüftler Hannah Hofmann und Sven Lindholm am Schauspiel Köln dran. Und so wie sie in ihren Stücken immer wieder fiktionale Breschen in die Mauern des Realen schlagen, haben sie hier mögliche Ereignisse aus der Zukunft ausgewählt. Beim Start am Kölner Schauspielhaus bekommt jeder Zuschauer ein Handy in die Hand gedrückt, mit dem er sich auf einen Parcours mit 37 Stationen macht. Jeder wählt aus, welche und wie viele Standorte er ansteuert. Wo man haltmacht, setzt sich via GPS-Ortung ein kleines Hörspiel in Gang, das sich mit der städtischen Topografie verbindet. Am Schauspielhaus hält Karin Beier schon mal ihre Abschiedsrede im Jahr 2013 und am Museum Ludwig eröffnet Direktor Kaspar König am 16. Dezember die Ausstellung 'Vor dem Gesetz'. Beglaubigt werden die Hörstücke durch die real verbürgten Akteure, was zu einer verblüffenden Überlagerung von Gegenwart und Zukunft führt und an die Formulierung des Komponisten Bernd Alois Zimmermann von der „Kugelgestalt der Zeit“ denken lässt. So wird am Bauplatz der neuen Moschee satte 20 Minuten lang die Einweihungsfeier mit Reden des Kölner Oberbürgermeisters, des Bezirksbürgermeisters und des Architekten übertragen – samt Beifall, Geschrei rechtsradikaler Gegendemonstranten und Kommentaren der Ditib-Pressesprecherin.
Zu den erschütterndsten Statements gehört das Zeugnis eines anonymen Demenzkranken, der auf Kölns belebtester Einkaufsstraße vom Verlust seines Gedächtnisses berichtet. Und eine Straße weiter, in Sichtweite des Doms, erzählt Ruth Henkel, die am 30. März 2012 ihren 101. Geburtstag feiert, gelöst von ihrem nahen Tod. Die Gradationen der Wahrscheinlichkeit, mit der Hofmann & Lindholm bei ihrem „Pre-Enactment“ arbeiten, reicht von datierbar über sicher, voraussichtlich bis zu (hoffentlich un)möglich – letzteres gilt für das Ereignis Reaktorunfall in der Nähe von Köln.
Schließlich wird man von einfachen sinnlichen Täuschungen überrascht. Da läuft man auf einen ruhigen Kreisverkehr zu und findet sich in einem laut hupenden Autokorso wieder. Akustisch jedenfalls. Die Fiktion schiebt sich über die Realität und sorgt für ein momentanes Erschrecken, Innehalten, Kopfdrehen.

Hans-Christoph Zimmermann