© Hofmann&Lindholm
Aspiranten © Hofmann&Lindholm
© Hannah Hofmann

Aspiranten

Intervention / Inszenierung

Ich beschäftige mich mit dem System,
indem ich es beschäftige.

Die Protagonist_innen in 'Aspiranten' sind fünf Düsseldorfer Jugendliche, die die Gesellschaft als ein funktionierendes System entdecken, in dem sie selbst eine Rolle spielen können. Zu diesem Zweck trainieren sie sich in: Anpassung, Nachahmung und Täuschung. Es geht um die Teilnahme an gesellschaftlichen Konventionen, um Bezugnahmen und Verhältnismäßigkeiten, um Informationsbeschaffung und Täuschungsmanöver im realen Lebensumfeld, um Territorialkämpfe, die auf dem Schlachtfeld der Wahrnehmung ausgetragen werden. 'Aspiranten' ist Hofmann&Lindholms erstes Komplizenstück.

Mit: Alice Ferl, Jenja Korolov, Sebastian Schulz, Robert Redmer und Eleana Vaja
Konzept, Text, Regie, Kamera, Schnitt, Ton: Hannah Hofmann, Sven Lindholm
Assistenz: Matthias Quabbe
Mitarbeit: Katrin Felzmann

'Aspiranten' ist eine Koproduktion von Hofmann&Lindholm und dem FFT (Düsseldorf)., die zu plateaux, off limits und Impulse eingeladen wurde. Gefördert durch die Kunst- und Kulturstiftung der Stadtsparkasse Düsseldorf.

Termine
2004
Theaterfestival Impulse

Alte Feuerwache (Köln)
2004
'off limits' im Rahmen der RUHRtriennale

Prinz-Regent-Theater (Bochum)
2003
'plateaux', internationale Plattform für junge Theaterregie

Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt a.M.)
2003
Theater im Depot (Dortmund)
2003
HAU (Berlin)
2003
Uraufführung

FFT (Düsseldorf)
Rezensionen
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. November 2003
Eine kleine Meldung aus der Zeitung: Ein Neunzehnjähriger fotografiert nachts auf einer Brücke, übersieht die Straßenbahn, wird überrollt und stirbt. ‚Uns entgeht eben das Wesentliche’, sagt das Mädchen auf der Bühne, ‚die Wirklichkeit löst sich im Akt des Sehens auf, noch ehe wir sie erfassen.’ So beginnt ‚Aspiranten’, eine von den Kölner Künstlern Hannah Hofmann und Sven Lindholm inszenierte Aufführung, in der sich vier junge Düsseldorfer als Systemforscher präsentieren. Wie gedrillte Musterschüler räumen sie ihre Tische auf und kleben Gedächtnisstützzettel an die Wände. Nachher allerdings packen sie einen Fotoapparat aus und zerschlagen ihn mit dem Hammer. Was sie tun, ist mehr, als was es scheint, nämlich Imitation und Täuschung von Verhaltens- und Funktionsweisen der Erwachsenenwelt, die mit Witz und Tatkraft zerdeppert werden: Einer eröffnet serienweise Konten und entfesselt einen absurden Überweisungsverkehr, eine andere erfüllt sich die Wünsche nach aktueller Garderobe durch gewiefte Umtauschmanöver. Alle geben sich kontrolliert und zielgerichtet, teamfähig und leistungsorientiert. Sie bereiten sich nicht für die Schule vor, sondern fürs Leben. Und protestieren nicht gegen die Verhältnisse, sondern legen sie, surrealistisch übersteigert, lahm. Wie der Junge, der sich bei Freunden und in der Stadtbibliothek Gesellschaftsspiele ausleiht, um ihnen heimlich aufwendig gefälschte neue Bedienungsanleitungen unterzujubeln. Aus dem harmlosen ‚Mensch ärgere dich nicht’ wird bei ihm ‚Ein Kampf der Kulturen’, der mit simplem Würfeln wohl kaum zu gewinnen ist. Rollenspiele. Wechselspiele, Gastspiele: Stell dir vor, es ist Weltspartag, und alle gehen ins Hebbel-Theater - und später etwa zu den durchgedreht-schlauen ‚Aspiranten’. So ähnlich mag sich Matthias Lilienthal den Auftakt seines frisch fusionierten Theater-Trusts erträumt haben. Unter dem Kürzel ‚Hau’ wie ‚Hebbel am Ufer’ (des Landwehrkanals) firmieren in Berlin ab nun das Hebbel-Theater (‚Hau l’), das Theater am Halleschen Ufer, das Peter Stein mit seiner Truppe von 1970 an berühmt gemacht hatte (‚Hau 2’), und das Theater am Ufer, eine ehemalige Fabriketage und bis vor kurzem von dem polnischen Regisseur Andrej Woron als ‚Teatr Kreatur’ geleitet (‚Hau 3’). [...] ‚Ich beschäftige mich mit dem System, indem ich es beschäftige’, sagt einer der jungen Männer in ‚Aspiranten’. Seine Kollegin in diesem Verwirrspiel übt den Etikettenschwindel. Sie tauscht daheim die Banderole bei regulär gekauften Dosen aus und stellt sie unbemerkt in die Regale zurück. Wo Ananas draufstand. ist nun Sauerkraut drin, und was als Pfirsiche angeboten wird, enthält Ravioli. Die Fiktion erobert die Zukunft, der Appetit kommt beim Essen. So betrachtet, ist das Theaterkombinat, auf dem in fetten Lettern ‚Hau’ steht, gut unterwegs.
Westfälische Rundschau, 10. Juni 2003
Es ging nicht einfach nur um das Ausprobieren neuer Formen, auch nicht um das Durchbrechen von Normen und Verhaltensregeln, nicht um das Experimentieren um des Experimentierens willen. Es ging um gedanklichen, ja existentiellen Wiederaufbau. Etwas hat keinen Halt mehr im Denken vieler junger und neuer Theatermacher. Der Wirklichkeit, zeigte das Kölner "Büro für Angewandte Kulturvermittlung" des Regie-Teams Hofmann und Lindholm in der Produktion 'Aspiranten', ist nicht mehr zu trauen. Also bewertet das Ensemble [...] die Wirklichkeit neu [...] und berichtet von noch ganz anderen Sabotagen. Da kommt neue Systemkritik zum Vorschein - das im realen Kommerz bekannte Umtauschverhalten wird ausgereizt bis zum Geht-nicht-Mehr; die Schädigung des Handels oder die Beschäftigung der Banken ist mitgedacht.
NRZ, 2. Juni 2003
Das Innere einer Straßenbahn. Gesichter von Menschen blicken uns an. Entrüstet, fragend, abwertend, verachtend, befremdet. Videoaufnahmen. Eleana Vaja tritt vor ihre Arbeit an den Bühnenrand: "Ich filme Menschen in Straßenbahnen mit dem Ziel, gesehen zu werden." Sie ist eine von fünf Jugendlichen, die zur Zeit im FFT die Ergebnisse ihrer "Versuche zur Erforschung unserer Gesellschaft als ein funktionierendes System" vorstellen. Die fünf 'Aspiranten' haben im Auftrag des Kölner 'Büros für Angewandte Kulturvermittlung' die Aufgabe übernommen, unsere gesellschaftliche Realität zu erforschen. Nach Beobachtungen des Alltäglichen haben Eleana Vaja, Alice Ferl, Jenja Korolov, Sebastian M. Schulz und Robert Redmer Schlüsse gezogen und nach ihnen gehandelt. Nun legen sie auf der Bühne Rechenschaft ab: Die konsequenten Handlungen und Überlegungen haben zu erst absurd wirkenden Ergebnissen geführt. Bei näherem Hinsehen gleichen die Szenarien auf erschreckender Weise unserer erwachsenen Öffentlichkeit, gesellschaftlichen Entwicklungen, politischen Entscheidungen.
Stadtrevue, 06/2003
Auf der Schwelle
Die Darsteller von »Aspiranten« haben Schreibtische auf der Bühne, auf denen sie ihre Beweise sammeln und sichten, ihnen Raum geben. Per Video werden die Jugendlichen vorgestellt und begleitet, ihre Aussagen im Theater müssen sich messen lassen an dem, was die Konserve zeigt oder suggeriert. Und umgekehrt. Die Medien Film und Theater ergänzen sich notwendig, gelten als zwei gleichberechtigte Mittel: das Zufällige gegen das Wiederholbare. Anders gesagt: die Unsicherheit des menschlichen Daseins gegen die Sehnsucht nach Sicherheit.
Susanne Finken
Theater Heute Jahrbuch, 2003
In 'Aspiranten' [...] lassen die Kölner Künstler Hannah Hofmann & Sven Lindholm eine Handvoll Jugendlicher von ihren Versuchen erzählen, unauffällig ein paar Elemente der Einkaufspassagen- und Fußgängerzonenwelt zu verändern. Alice Ferl vertauscht daheim die Etiketten von Lebensmitteldosen und bringt sie zurück in den Supermarkt, oder sie nutzt das Umtauschrecht so gründlich, dass sie alle Kleider höchstens zweimal trägt Jenja Korolov versieht Klamotten aus der Altkleidersammlung mit aufbewahrten Preisschildern und trägt sie wieder zu H&M, Robert Redmer erfindet neue Spielregeln und legt sie den Gesellschaftsspielen der öffentlichen Bibliothek bei, und Sebastian M. Schulz eröffnet diverse Konten bei verschiedenen Banken, um mit übersichtlichen Beträgen verwirrende Transaktionen zu vollziehen. Konsumverweigerung war gestern, Kaufhäuser anzünden vorgestern. Für den großen Aufstand und das laute Dagegensein verstehen sich diese I6- bis 19-jährigen 'Aspiranten' wahrscheinlich zu gut mit ihren Eltern. Gleichzeitig suchen sie aber nach eigenen Strategien, um ihr Nicht-restlos-einverstanden-Sein mit einer Gesellschaft auszudrücken, deren Mechanismen und Manipulierbarkeit sie gerade ergründen. Hofmann & Lindholm rüsten die kleinsten individuellen Widerstände mit wenigen scharfen Strichen und einem Augenzwinkern zu düsteren Guerilla-Taktiken auf: So klingen diese Geschichten vom Schummeln, Fälschen, Täuschen wie Laborberichte durchgeknallter Neurophysiologen oder Protokolle brisanter Agenteneinsätze. Genaue Uhrzeitangaben suggerieren Spannung und geben vor, die Experimente und Selbstbeobachtungen zu strukturieren; auf der Bühnenrückwand lauten elegische Schwarz-Weiß-Videos, die den Ablauf der Versuche dokumentieren und, zum Teil aus Überwachungskamerawinkeln gedreht, die Düsseldorfer Innenstadt zum gefährlichen Ort verklären. Die 'Aspiranten' sitzen indessen an soldatisch hintereinander aufgereihten Pulten, mehr klassenbeste Gymnasiasten als Raucherecken-Rebellen, und bewegen sich nach einfachen, strengen Choreographien. Nur einmal scheren sie völlig aus ihrem genau geprobten Rhythmus aus und improvisieren gemeinsam einen Pseudo-Erfahrungsbericht 'über unsere Nachbarschaftsgruppe', die als linksutopisches Gemeinschaftsprojekt beginnt und ziemlich finster als paranoide Bürgerwehr endet. Und man merkt: Denen wird so schnell keiner was vormachen.