© Hofmann&Lindholm
Familie Weiß © Hofmann&Lindholm
Familie Weiß© Hofmann&Lindholm
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Familie Weiß

Nachbarschaftssimulation

Hofmann&Lindholm inszenieren einen bürgerlichen Klassiker: Die Kleinfamilie - als Nachbarschaftssimulation.

Im 2015 wurde im Auftrag von Hofmann&Lindholm eine hellhörige 3-Zimmer-Wohnung im Zentrum Stuttgarts angemietet, in die Ende September Familie Weiß einzog – bestehend aus Vater, Mutter, einem Kind. Die Nachbarn im Mehrparteienhaus sowie in den Wohnungen gegenüber lernten durch Beobachtung schnell den Tagesverlauf der neuen Mieter kennen und erfuhren durch Geräusche von nebenan, wann aufgestanden, geduscht, gekocht oder die Wohnung verlassen wurde. Was sie nicht ahnen konnten: Der Alltag der Familie Weiß beruhte auf einem groß angelegten Täuschungsmanöver. Über einen Zeitraum von zweieinhalb Monaten simulierten über 400 eingeweihte Fremde zwischen 7 und 80 Jahren das Leben der Familie Weiß im Schichtdienst von 0 bis 24 Uhr. Die Zuschauer der Inszenierung waren zugleich ihre Performer, die für die Dauer von exakt einer Stunde in der Wohnung anwesend und damit beschäftigt waren, die Existenz der Familie Weiß zu fingieren. Dabei wurde stets nur so getan, als ob alltägliche Handlungen vollzogen würden: als ob geduscht, gewaschen, gekocht, sich rasiert, geliebt, gespielt oder gefeiert wurde. Als Grundlage der Inszenierung dienten Partituren, die sämtliche Handlungsabläufe in der Wohnung zeitlich strukturierten und es allen Mitwirkenden ermöglichten, ohne weitere Vorkenntnisse den Anschein eines Familienalltags zu erzeugen bzw. nahtlos fortzusetzen. Da sich Familie Weiß täglich zwischen 8 und 12 Stunden in der Wohnung aufhielt – werktags wurde um 6 Uhr 30 aufgestanden, um 7 Uhr 30 verließen alle Familienmitglieder die Wohnung, gegen 16 Uhr 30 kamen sie zurück, um 18 Uhr wurde gegessen, das Kind ging gegen 19 Uhr 30 ins Bett, die Erwachsenen um 22 Uhr -, hatten die Partituren einen Gesamtumfang von über 1.500 Seiten. Sämtliche Vorkommnisse in der Wohnung wurden mittels Überwachungskameras aufgezeichnet.


Mit: Kompliz_innen u.a. aus Stuttgart und Umgebung, München, Konstanz, Ludwigsburg, Frankfurt, Berlin, Hamburg, Köln, Düsseldorf, Bochum, Hildesheim, Gießen u.a.

Konzept, Partitur, Regie: Hannah Hofmann, Sven Lindholm
Ausstattung: Natascha von Steiger
Technische Realisation Video: Kevin Barz
Kamera: Kevin Barz, Simon Biffart, Hannah Hofmann, Sven Lindholm
Dramaturgie: Anna Haas
Produktionsleitung: Rebecca Egeling
Regieassistenz: Silinee Damsa-Ard, Inga Schwörer
Hospitanz: Marie Johannsen, Naomi Weber

'Familie Weiß' ist eine Koproduktion von Hofmann&Lindholm mit dem Schauspiel Stuttgart und der Akademie Schloss Solitude, sowie dem Württembergischen Kunstverein. Hofmann&Lindholm werden durch das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.

Termine
2. Oktober – 30. November 2015
Privathaushalt

Schauspiel Stuttgart
Rezensionen
Südwest Presse, 3. November 2015
Hunderte Stuttgarter spielen Familie
Morgens halb sieben steht Familie Weiß auf. Ein Wecker klingelt, Kaffeeduft zieht ins Treppenhaus - ein normaler Tag beginnt. Am Nachmittag hört man Vater, Mutter und den achtjährigen Sohn heimkommen: Der Fernseher läuft, das Kind spielt Ball, später klappert Geschirr, zwischendurch wird die Toilettenspülung betätigt. Das sollen jedenfalls die Nachbarn denken. Tatsächlich steht ein fremder Mensch im Bad, mit einer Gießkanne simuliert er das Plätschern in der Kloschlüssel. Der Toilettengang ist inszeniert - wie alles, was in der Wohnung der angeblich neu zugezogenen Mieter passiert und über Geräusche und Gerüche nach außen dringt. "Familie Weiß" ist ein Projekt des Kölner Künstlerduos Hofmann & Lindholm für das Schauspiel Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Württembergischen Kunstverein. Mehrere Hundert Freiwillige, sogenannte Komplizen, schlüpfen nach einem Schichtplan in die Rolle der drei Familienmitglieder. Bis Ende November simulieren sie den Alltag in einer eigens dafür angemieteten Drei-Zimmer-Wohnung nach einer minutiös ausgearbeiteten Partitur. Das Ziel: den Nachbarn zwei Monate lang die Existenz einer Familie vorzugaukeln, die es gar nicht gibt. (...) "Unsere Versuchsanordnung berücksichtigt alle Geräusche, die notwendig sind, um die Gleichtönigkeit des Familienalltags abzubilden", sagt Hannah Hofmann. (...) Bei Familie Weiß ist nur der Flur vollständig eingerichtet - falls einmal ein Nachbar klingelt und einen Blick in die Wohnung erhascht. Ansonsten sind die Zimmer fast leer bis auf Requisiten für die Geräusche. Acht Infrarotkameras zeichnen die Handlungen der Komplizen auf, Bilder aus der Wohnung werden ins Foyer des Schauspielhauses übertragen. Laute Geräusche wie ein in der Partitur vorgeschriebener nächtlicher Brechdurchfall oder Küchengerüche wie glasierte Zwiebeln sind nur für die Nachbarn wahrnehmbar. Was die Komplizen, die in der Wohnung als "Familie Weiß" aufeinandertreffen, miteinander sprechen, bleibt verborgen. So schafft das Projekt auch Begegnungsmöglichkeiten.
Claudia Salden
TheaterNETZ, 11/2015
Das Theaterprojekt von nebenan
Ich höre oben Türen schlagen, eine Klospülung nebenan. Hellhörig sind diese Wohnungen wirklich. Bei mir läuft das Wasser in der Dusche, die Zahnbürste, der Fön, das Radio – alles habe ich eingeschaltet. Alleine in dieser Wohnung, die nur vorgaukelt, eine zu sein, befällt mich ein beklemmendes Gefühl. Es soll nicht um Schauspielerei oder Einfühlung in das Leben der Familie gehen. Man folgt der Partitur und beobachtet dabei, ist Ausführender und Publikum zugleich. Das Stück ist die gesamte Wohnumgebung, die Nachbarn, unser gesellschaftliches Leben. Die Geräte und Möbel produzieren zwar viel Lärm und sehen von bestimmten Blickwinkeln echt aus, sind aber nur Kulissen. 7:46 – ins Kinderzimmer gehen. Den Wecker klingeln lassen. Den Kassettenrekorder anschalten. Wie ging das nochmal? 7:48 – den Fußball mehrmals gegen die Wand schießen. Weil ich etwas zu früh dran bin, mache ich das ein bisschen öfter. Alle möglichen Arten von Menschen beteiligen sich hier. Frauen wie Männer, Alte wie Junge, Bankmanager und Supermarktkassierer, theateraffine Stuttgarter, aber auch Leute, die nur kurz zu Besuch sind, und in der Zeit etwas Außergewöhnliches machen wollen. Menschen, deren Freunde gesagt haben: „Hey guck dir das mal an! Voll fancy, was dort passiert.“ Eines Abends finde ich mich mit vier weiteren Leuten in der Wohnung wieder. Im Skript stehen Dinge wie 21:34 – angeregte Unterhaltung, 21:36 – gemeinsames Lachen, 21:45 – Zeigen der Urlaubsfotos auf dem Rechner im Wohnzimmer, lautes Berichten der Urlaubsereignisse. Hier stehe ich nun, leicht beschwipst vom Sekt, den ich trinken sollte, und erzähle vier Fremden, wie aufregend das Kamelreiten in Ägypten war. Das glaubt mir doch niemand, wenn ich das jemandem erzähle.
Rosalie Schneegaß
Stuttgarter Nachrichten, 15. Oktober 2015
Unheimliches Heim
Die Erfahrung fremden Lebens zeigt: Wohnen ist ein kompliziertes Beziehungs­geflecht. Die eigenen Handlungen sind durch die Umgebung bestimmt. Kulturelle, gesellschaftliche Differenzierungen bringen unterschiedliche Bewertungen dessen hervor, wie Menschen sich wohnend benehmen. (...) Die Komplizen des Projekts wiederum fragen sich, wie sehr sie selbst und andere ihr Leben inszenieren, ihr alltägliches Dasein konstruieren. Und die Neugierigen unter ihnen befriedigen ihren Voyeurismus: Wie leben andere Leute, auch wenn es nur erfunden ist? Dies ist ein virulentes Thema auch in der Kunst von Gregor Schneider, der 2001 für sein Werk „Totes Haus u r“ für den deutschen Pavillon den Goldenen Löwen der Biennale in Venedig erhielt. Der 1969 geborene Künstler untersucht den Zusammenhang von Mensch und Raum, kreiert beklemmende Wohnatmosphären. Wie unheimlich ein Heim sein kann, erlebt auch die Komplizin, die im Kinderzimmer Musik laufen lässt, obwohl da niemand ist außer ihr selbst. Und die sich über den Gefühlszustand der fiktiven Frau Weiß sorgt und sich in den nächsten Tagen beim Vorübergehen am Haus der Familie fragt, was hinter diesen Mauern vor sich gehen mag, die, wenn auch nur für eine Stunde, ihre eigenen waren. So banal derartige Selbsterkenntnisse sein mögen, weiten sie doch den Blick. Und verdeutlichen, was Martin Heidegger 1951 mit der Rede „Bauen Wohnen Denken“ ansprach. Der Philosoph hat das Wohnen eng mit der Seinsfrage verknüpft. Er nimmt die Worte wörtlich. „Bauen – buan – bedeutet wohnen. Dies besagt: bleiben, sich aufhalten.“ Noch genauer dem Wort nachgespürt, weist es bis ins Wesen des Wohnens – „Bauen, buan, bhu, beo ist nämlich unser Wort „bin“.“ Heidegger führt dies weiter: „Die Art wie du bist und ich bin, die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind, ist das Buan, das Wohnen.“ Wohnen ist ein Grundzug des menschlichen Seins. Das Wesen des Wohnens, weiß Heidegger, hat auch mit dem gotischen „wunian“ zu tun: „zufrieden sein, zum Frieden gebracht, in ihm bleiben“. Umso relevanter ist dieser Begriff in Zeiten transzendentaler Obdachlosigkeit. Und in Zeiten der von Arbeitgebern geforderten Umzugsflexibilität, des geschäftlichen Nomadentums bedeutet Wohnen: sich zumindest im Privaten einrichten, abschotten, sicher fühlen können. Diese Rückzugsstätte zur Disposition zu stellen, zwei Monate lang zu untersuchen, wie und ob so ein Leben funktioniert, wie und ob soziale Kontrolle sich auf das simulierte Leben auswirkt, könnte für jede Menge Erkenntnisse sorgen.
Nicole Golombek
Stuttgarter Nachrichten, 1. Oktober 2015
Lebenszeichen simulieren
Bei dem experimentellen Kunstprojekt „Familie Weiß“ vom Autorenkollektiv Hofmann&Lindholm ist der Zuschauer zugleich Komplize und handelnder Akteur.
Stuttgarter Nachrichten: "Frau Hofmann, Sie nennen „Familie Weiß“ eine Stadtraumintervention. Was lässt sich darunter vorstellen?"
HH: "Wir simulieren mit Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern ein Familienleben, indem wir die Anwesenheit der einzelnen Mitglieder in einem Privathaushalt vortäuschen."
Stuttgarter Nachrichten: "Welchen künstlerischen Wert hat diese Simulation?"
HH: "Unser Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass das So-tun-als-ob eine angewandte Kulturpraxis ist, die nicht nur im Theater zum Einsatz kommt. In einer Zeit, in der IS-Sympathisanten inmitten gutbürgerlicher Ordnung aufwachsen, in der sich gewaltbereite Zellen in Erholungsgebieten wie dem Sauerland bilden und der Keller des Josef Fritzl über zwanzig Jahre unentdeckt bleiben kann, thematisieren wir mit dem Projekt „Familie Weiß“ die bestehenden oder ausstehenden Kontrollmechanismen unserer Gesellschaft."
Suttgarter Nachrichten: "Wie viel Selbstdarstellungslust oder Schauspieltalent müssen Komplizen haben?"
HH: "Es gibt keine Rollenzuweisung und wir zielen nicht darauf, dass sich unsere ­Mitwirkenden in bestimmte Situationen einfühlen. Vielmehr geben wir ihnen die Aufgabe, alltägliche Lebenszeichen einer Familie in Stuttgart, die aus einer Privatwohnung nach außen dringen, durch bestimmte Handlungsabläufe, die sich an einer Partitur orientieren, zu suggerieren. Diese Aufgabe wird in Schichtarbeit von all denen übernommen, die das Projekt erleben möchten. Der Zuschauer im klassischen Sinn kommt in unserem Projekt nicht vor."

Nicole Golombek
Stuttgarter Zeitung, 15. September 2015
Bürger, werdet zu Komplizen!
Eine Stadt mit 600 000 Einwohnern ist immer in Bewegung. Menschen kommen und gehen, mieten Wohnungen und Häuser, ziehen hier ein und dort wieder aus. Nichts ist alltäglicher und unauffälliger als ein Umzug, sollte man meinen – doch dann kommt das Künstlerduo Hofmann & Lindholm aus Köln und versucht, diese Großstadtnormalität mit einer subversiven Aktion in Stuttgart zu unterlaufen. Wenn also, liebe Leser, Ende September eine dreiköpfige Familie in Ihre Nachbarschaft zieht, könnte es sich lohnen, die neuen Hausbewohner genauer unter die Lupe zu nehmen: Es könnten Leute sein, die nur so tun, als wären sie eine Familie, in Wirklichkeit aber dazu angeheuert wurden, bei Ihnen, liebe Nachbarn, gezielt Reaktionen auszulösen. (...) Hannah Hofmann und Sven Lindholm arbeiten seit fünfzehn Jahren zusammen. Kennengelernt haben sie sich beim Studium der Theaterwissenschaften in Gießen, der Brutstätte des neuen deutschen Theaters, aus der auch Rimini Protokoll, She She Pop und René Pollesch kommen. Von Anfang an hat das Duo spartenübergreifend gearbeitet, grenzgängerisch zwischen Bildender Kunst und Hörspiel, Video und Stadtraumprojekt. Zu Letzterem zählt nun auch das Weiß-Projekt, das mit Bedacht eigens für Stuttgart konzipiert worden sei, wie Hannah Hofmann beteuert. „Eine Wohnung mit Leuten, deren Herkunft unbekannt ist und die womöglich zweifelhafte Absichten hegen: früher wären unsere Komplizen im Verdacht gestanden, Terroristen zu sein“, sagt die Künstlerin, „an diesen Aspekt der Stadtgeschichte wollen wir mit unserem Projekt bewusst anknüpfen.“ (...) „Wo endet die soziale Achtsamkeit? Wo beginnt die soziale Kontrolle? Das sind Fragen, die wir mit unserer Gratwanderung aufwerfen wollen“, sagt das Duo, dessen Fake öffentlich begleitet werden kann. Im Schauspielhaus-Foyer wird ein Videoschirm täglich Szenen aus dem fingierten Leben in der konspirativen Wohnung übertragen.
Roland Müller