Gerechte Strafen
Coming of Age einer Republik. Oder ein Märchen.Ein Hörstück über transgenerative Weitergabe. Es erzählt im Rückblick von jugendlichen Zeitzeug*innen und ihren Beobachtungen, Vermutungen und Schlussfolgerungen in einer Kleinstadt in Westdeutschland von 1967 bis zum Mauerfall; davon, wie sich Zeitgeschichte ausdehnen und zusammenziehen kann; und von der erstaunlichen Möglichkeit, durch Beziehungsstiftung Welt immer wieder neu zu erschaffen.
Ausgezeichnet von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste als Hörspiel des Monats November.
"Das hochkomplexe Panorama entwickelt einen unglaublichen erzählerischen Sog und katapultiert uns beim Hören in das kalte Herz der bundesrepublikanischen Provinz. (...) Dieses Hörspiel zeigt eindrücklich, was das Medium Radiokunst heute kann: Ein herausragendes Sprecherensemble, eine zugleich präzise wie aus dem Vollen schöpfende Klangkomposition und eine sensible dramaturgische Verdichtung machen das Hören zu einem bleibenden Erlebnis." (Jurybegründung)
Text und Regie: Hannah Hofmann und Sven Lindholm
Mit: David Vormweg, Michael Kamp, Cathlen Gawlich, Edda Fischer, Manuela Alphons und Gregor Höppner
Besetzung: Kathi Bonjour
Ton und Technik: Peter Harrsch
Schnitt: Hannah Hofmann und Sven Lindholm
Assistenz DLF: Felix Lehmann
Aufnahemassistenz: Christian Minwegen
Faktencheck: Phlipp Blömeke
Dramaturgie: Barbara Gerland
Eine Produktion von Deutschlandfunk 2026
Die Arbeit von Hofmann&Lindholm wird vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.
Illustration: KI generiert
Deutschlandfunk
Deutschlandfunk Kultur
Ein nicht verhallendes Echo
"Ein verlassenes Haus, ein nicht verhallendes Echo und Eltern in ovidischen Metamorphosen: Hofmann&Lindholms Hörspiel 'Gerechte Strafen' verschränkt Märchen, Zeitgeschichte und Klangkunst zu einer unheimlichen Geschichte über das Erwachsenwerden der alten Bundesrepublik. [...] In ihrem aktuellen Coming-of-Age-Märchen spiegelt sich das Erwachsenwerden in den 1970er Jahren mit der politischen Geschichte der alten Bundesrepublik. Allerdings ist es ein Spiegel, wie aus den Bildern des belgischen Surrealisten René Magritte, in dem man sich selbst von hinten sieht. Ähnlich nimmt man die Hörspielerzählung wahr, die zwar einen Ich-Erzähler hat, der sich aber quasi selbst zusieht. Das gesamte sechsköpfige Ensemble, bestehend aus David Vormweg, Michael Kamp, Cathlen Gawlich, Edda Fischer, Manuela Alphons und Gregor Höppner, schaut sich quasi selbst über die Schulter und bildet so einen integralen, selbstbezüglichen Kosmos ab. [...] Die märchenhaften Elemente sind mit Schilderungen der Alltagswelt eines Ich-Erzählers verschachtelt, der mit seinen Freunden ein leerstehendes Haus durchsucht, ebenso mit Bildern aus einer offenbar kleinstädtischen Nachbarschaft mit Schützenverein, dementer Oma und sozialer Kontrolle. Die Außenwelt kommt als angstbesetzte Fremdheit vor. Den Tod der Ulrike Meinhof nimmt man mit einem Aufatmen zur Kenntnis. [...] Ähnlich komplex wie die Metamorphosen der Eltern verhält sich das hintergründige und äußerst variable Sounddesign des Hörspiels. Selbst die zitternden Streicher, sonst oft ein einfallsloser Hochkulturmarker, oszillieren zwischen den Polen der Verwandlung. Was sich hier im Hintergrund abspielt, könnte auch der Vordergrund eines Klangkunststückes sein. [...] So ist das Hörspiel-Kunstwerk 'Gerechte Strafen' von Hofmann&Lindholm in der komplexen Verknüpfung seiner Elemente auf inhaltlich-politischer, formal-ästhetischer und akustischer Ebene kaum zu übertreffen.
Jochen Meissner
Brüchige Erinnerungen
Erwachsene halten Rückschau. Um das Jahr 1967 in einer westdeutschen Kleinstadt geboren, erinnern sie sich an die Familie, die Nachbarschaft und Spiele mit Freunden. Gleichzeitig bricht die kleine und große Geschichte in ihr Leben ein. Kinder verschwinden im Wald, die NS-Vergangenheit ist gar nicht vergangen, und die Terroranschläge der RAF befeuern die Vorstellungskraft. Hannah Hofmann und Sven Lindholm vermessen in "Gerechte Strafen. Coming of Age einer Republik oder: Ein Märchen" das 20. Jahrhundert bis zum Fall der Mauer. Ein vielschichtiges Hörspiel Noir, das auch nach der Brüchigkeit von Erinnerung fragt. Von der ersten Sekunde an erzeugt das Hörspiel eine beklemmende Atmosphäre, die einen packt. Die mehr als ein Dutzend Kapitel des düsteren Hörspiels [...] korrespondieren auf subtile Weise miteinander, bespiegeln sich gegenseitig wie in einem Kaleidoskop. [...] Das Duo Hofmann&Lindholm verzahnt auf kluge und komplexe Weise die große mit der kleinen Geschichte. Beeindruckendes Ergebnis ist das, was Philipp Felsch und Frank Witzel als BRD Noir bezeichnet haben. In ihrem gleichnamigen Gesprächsband von 2016 schreiben die Autoren: "Heute, wo wir um unsere Sicherheit und unseren Wohlstand fürchten, wäre es naheliegend, auf die alte Bundesrepublik als Idyll zu rekurrieren. Dass das Gegenteil der Fall ist, dass wir sie nicht als heiles, sondern als versehrtes Land imaginieren, bedeutet, dass wir ihren Mythen misstrauen." Wer ungefähr im gleichen Alter wie Hofmann&Lindholm ist, wird vieles von dem, was ihr Hörspiel in Szene setzt, bestätigen können. Gleichzeitig hinterfragen sie die Zuverlässigkeit von Erinnerungen, die hier von alten Fotografien und Fundstücken wie die Haarspange eines Mädchens geweckt werden, wie vormals bei Proust durch die Madeleine.
Florian Welle